Gemeinwesen Gruppe
Stefano Borselli • Giacomo Di Meo • Marco Iannucci • Stefano Isola • Alberto Lofoco
Minimale Theorie des Abstraktionsprozesses (MTAP)
Über den Versuch des Menschen, sich von der Natur zu lösen, und seine Folgen
« Certitude: Adhérence à l’éternité »
Jacques Camatte (Glossario)
In memoriam.
ὁ Ἡράκλειτός φησι τοῖς ἐγρηγορόσιν ἕνα καὶ κοινὸν κόσμον εἶναι τῶν δὲ κοιμωμένων ἕκαστον
εἰς ἴδιον ἀποστρέφεσθαι
Hērákleitos (89)
Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt, [doch im Schlummer wendet sich jeder von
dieser ab an seine eigene.]
Vorwort.
Dieser Text ist eine notwendigerweise unvollständige Darstellung; wir sprechen von Minimaltheorie, da willkürliche Erklärungen unbekannter Mechanismen und Situationen vermieden werden sollen. Es handelt sich um die Darstellung eines Prozesses, der Jahrtausende alt ist und schon lange zu begreifen versucht worden ist; früh schon ahnte man seine Gefährlichkeit. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, dem, was in der diesbezüglichen historischen und aktuellen Reflexion von vielen Menschen gesehen und gesagt worden ist, Kohärenz und explizite Sprache zu geben, wobei aber gewisse Formulierungen dieser Menschen in Anerkennung ihrer Genauigkeit einfach übernommen worden sind. Es seien hier einige Namen aufgeführt: Lao Tze und Epikur, alte Meister; und unter den Modernen Alexis de Tocqueville, Karl Marx, Lewis Mumford, Martin Heidegger, Alfred Sohn-Rethel, Ivan Illich, Jerry Mander, Jean Baudrillard, Jacques Camatte. Einige der Modernen entwickelten widersprüchliche Theorien, teils zur Unterstützung des Prozesses, den sie zu bekämpfen vorgaben; doch im theoretischen Rahmen — der immer mehr von einer Wolke aus Geschwätz und Anspielungen verdeckt wird — zählen Definitionen, Beziehungen zwischen Begriffen und überprüfbare Konsequenzen, nicht Biographien, nicht Philologie; berücksichtigt werden hier nur jene begrifflichen Strukturen, die mit dem dargestellten Rahmen übereinstimmen. Andere Namen werden nicht aufgeführt, obwohl sie entscheidende Worte schrieben, weil sie sich nicht in Büchern, sondern in Gesten, Formen oder Lebensweisen ausdrückten. ¶ Es ist auch eine Diagnose: sie folgt dem genealogischen Faden der eine Degeneration der Abstraktion, der Religion, Staat, Kapital und technisches System durchzieht, um Richtung und Wirkungen nach eigener Metrik zu beurteilen. Einige Begriffe erscheinen, bevor sie erläutert werden, und müssen in ihrer Entwicklung verfolgt werden; andere sind absichtlich knapp, da sie auf bereits gefestigte Vorstellungen verweisen. Der Text enthält keine Anmerkungen: der minimalen Theorie ist jedoch eine Anthologie von Autorenstellen beigegeben — oft mit den ersten Formulierungen der behandelten Begriffe und entsprechender Bibliographie —, die jeden Abschnitt begleitet und veranschaulicht. ¶ Die abschließende Postille will nicht trösten, sondern, indem sie die Schwere der Diagnose anerkennt, auf den Weg — stets gegenwärtig — der aktiven Annahme hinweisen.
Index Anthologie
0. Abstraktion.
Jeder Denkakt impliziert eine Abstraktion: es werden Aspekte der Wirklichkeit isoliert und ans Licht gerückt, um diese Wirklichkeit besser zu verstehen. Dabei wird aber das Ganze nicht ausgeblendet, aus dem sie stammen. Diese geistige oder begriffliche Abstraktion ist ein lebenswichtiges Werkzeug der Erkenntnis: sie erlaubt uns, Begriffe, Klassen, Kategorien zu bestimmen — etwa die Klasse der „Behälter“, zu z. B. ‚Krug‘ gehört. Solche Abstraktionen sind Werkzeuge des Denkens und bilden keine Ersatzrealitäten. ¶ Anders verhält es sich mit der Abstraktion, die Gegenstand der folgenden Ausführungen ist. Diese beginnt, wenn der Begriff die Sache ersetzt, und ‚Krug‘ nicht mehr den konkreten Krug bezeichnet, der etwas enthalten, aus dem man etwas giessen, der vorhanden sein kann, sondern nur noch das Krug-Sein. Von da an beziehen sich Denken und Wahrnehmung nicht mehr auf das Reale, sondern ausschliesslich auf die Vorstellung, das Bild, das der Begriff geschaffen hat. ¶ So beginnt ein Prozess des Gleichgewichtsverlustes, den man in allen Lebensfunktionen gleichermassen nachweisen kann. Jede Lebensform kann das Gleichgewicht verlieren und versucht es wiederzuerlangen; das kann gelingen oder misslingen. Wenn die Abstraktion das Maß verliert, entgeht ihr zunehmend der Bezug zur erfahrenen sinnlichen und relationalen Wirklichkeit: sie verwandelt das Erlebte in etwas Abgetrenntes, Wiederholbares, Kombinierbares, Implementierbares: in etwas, das technisch wie ein Gegenstand handhabbar ist. Sie reduziert das Konkrete auf einen reinen Begriff und ersetzt das gelebte Reale durch Repräsentationen und Simulakren; sie verwandelt den Krug in einen bloßen Behälter und den Menschen in ein Gespenst, Gefäß der linearen und mechanischen Zeit; sie kappt die sinnlichen, affektiven und territorialen Bindungen und beraubt das Individuum der Freude der Gegenwart, indem sie sie auf stets zukünftige Hoffnungen überträgt — die Erlösung, die lendemains qui chantent. ¶ Dieser Sprung im Abstraktionsprozess erfolgt, wenn eine Abstraktion nicht mehr bloss ephemär nützliches Werkzeug der Wirklichkeitserkenntnis – ein Bild – ist, sondern Wirklichkeit erzeugt: die Wertform ‚Geld‘, die von der Topographie abgehobene Autobahn, der Fernseher, das Smartphone, aber auch der Staat sind reale Abstraktionen; sie wirken auf die Vorstellungskraft, Sinne und Leib des Menschen, indem sie diesen ihre eigene Ordnung aufzwingen.
Index Anthologie Ludwig Feuerbach, Max Stirner, Karl Marx, Jacques Camatte, Ivan Illich, Gianni Collu
0.1. Reale Abstraktion.
Das ist ein Gegenstand, eine soziale Struktur, eine Technik – sowohl Ergebnis als auch Vehikel der Abstraktion. Eine der am besten erforschten Realabstraktionen ist der Tauschwert, der zu Geld wird, gemünzt oder gedruckt: z.B. eine greifbare Macht in der Hosentasche: «Kann ich sechs Hengste zahlen, / Sind ihre Kräfte nicht die meinen?». Aber auch das Fernsehen ist eine Realabstraktion: Es ist kein bloßes Haushaltsgerät, denn als Kommunikationsmedium gestaltet es die sensorische Umwelt um und verändert die Form der Erfahrung selbst, indem es ein illusorisches Gefühl unbegrenzter kognitiver Möglichkeiten erzeugt. Menschliches Handeln – das gleichermassen körperliche, mentale, persönliche und beziehungsorientierte Tätigkeit ist – gleicht sich abstrakten Typen an, verinnerlicht sie, schwächt und bricht die unmittelbare Beziehung zur eigenen und äußeren Natur. ¶ Das Phänomen ist nicht neu. Es lässt sich bereits in den ersten technischen Strukturen der Menschheitsgeschichte nachweisen:
• 3.500–3.100 v. Chr. → Erste despotische Staatsmaschinen: Schrift, Bürokratie, Besteuerung;
• 2700–2600 v. Chr. → Sumerer: abgewogenes Silber wird zum allgemeinen Äquivalent:
Wertmaßstab, Zahlungsmittel, Akkumulationsobjekt;
• 2.630 v. Chr. → Cheops-Pyramide: erste dokumentierte Megamaschine und erste Realsubsumtion
der Arbeit (20 Jahre Bauzeit mit 100.000 rotierenden Arbeitern mit standardisierten
Rationen-Entlohnung, streng rationalisierte Arbeitsteilung und konzertierte Organisation);
• 2.600–2.500 v. Chr. → Mohenjo-Daro: erste modulare Stadtplanung;
• 2.300 v. Chr. → Akkadisches Reich mit stehenden Heer (5–10.000 Mann), zentralisierter
Verwaltung, Straßennetz;
• 1.200–1.050 v. Chr. → Phönizisches Alphabet, das von der lebendigen Stimme in kombinierbare
Zeichen abstrahiert;¶• 635–600 v. Chr. → Münzprägung in Lydien: eine noch abstraktere
Form der Realabstraktion des Werts.
Es muss betont werden, dass alle realen Abstraktionen – nicht nur das Geld – demselben entmaterialisierenden Prozess unterliegen. Der Fall des allgemeinen Längenäquivalents ist beispielhaft:
• ~3000 v. Chr. → Altes Ägypten: die «Königselle» (~52,3 cm), verkörpert in einem
schwarzen Granitstab, wird zum Instrument staatlicher Kontrolle;
• 1795 → Französische Revolutionsversammlung: Der Meter wird als der zehnmillionste
Teil des Erdmeridianquadranten definiert; der Bezug ist kosmisch-abstrakt, doch die
Technik zwingt noch zu einem materiellen Urmeter aus Platin-Iridium;
• 1960 → 11. Generalkonferenz für Maß und Gewicht (Sèvres, Paris): Der Meter wird
als das 1.650.763,73-fache der Wellenlänge der Orange-Strahlung von Krypton-86 neu
definiert;
• 1983 → Ditto (17.): der Meter wird als die Strecke definiert, die das Licht im Vakuum
in 1/299.792.458 einer Sekunde zurücklegt; die Abstraktion wird zur reinen numerischen
Konvention, entleert von jedem sinnlich-unmittelbaren Bezug.
Index Anthologie Alfred Sohn-Rethel, Jerry Mander
1. Auf dem Weg des Tages. Beobachtete Tatsachen.
Bei Tageslicht betrachtet, für jedermann evident, erweist sich - wider den herrschenden Diskurs – in der heutigen Welt das ganze Elend der Moderne: Verlust jeder Kreativität, eine Menschheit im Klima der Angst und des häuslichen Eingeschlossenseins. Es sind sprechende Symptome — wir nennen hier nur jene, die für alle unmittelbar ohne tiefere Einsicht und Wissenschaft ersichtlich sind – und doch verdrängt sie die Mehrheit. ¶ Die Diagnose ist unerfreulich: Der allgemeine Zustand des Menschen verschlechtert sich. Die Behauptung, man könne von einem Menschen, dem die Beine amputiert worden sind, nicht sagen „es sei ihm früher besser gegangen“, das sei ein Stereotyp, eine romantisch-nostalgische Idealisierung oder misoneistische Haltung, ist gewiss ein modischer Topos, bleibt jedoch schwierig nachzuvollziehen, auch wenn diese Aussage nur wahrscheinlich ist. Natürlich wird man ein Gegenbeispiel finden, man behauptet ja nicht, alle Krüppel seien vorher glücklicher gewesen. Egal, gängige Kritiken dieser Art verweisen wir auf das Verzeichnis der Paralogismen. ¶ Von der Nacht, vom Unwissen, sprechen wir hier nicht, wo alle Katzen schwarz sind.
Index Anthologie
1.1. Armut der Alten und Reichtum der Modernen oder umgekehrt? Umgekehrt.
Die gängige Erzählung ist nach wie vor kontrafaktisch und widerspricht der Geschichte: Armut sei etwas Archaisches, Reichtum etwas Modernes. Die anthropologischen Erkenntnisse der letzten fünfzig Jahre zeigen das Gegenteil. Die alten und primitiven Gesellschaften – jede anders als die andere und keine davon paradiesisch frei von Konflikten, Macht und Gewalt (die ideologische Karikatur des edlen Wilden) – wurden als „arm” bezeichnet, wiesen jedoch eine Wirtschaft des Überflusses auf. Viel Freizeit, nicht kommerzialisierte Beziehungen, Vertrauen in die spontane Fortpflanzung des Lebens, kreative Erfindungsgabe. In modernen Gesellschaften ist der angebliche Überfluss eine extreme Form des Elends und beinhaltet Beziehungsarmut, mangelnde Sinnlichkeit ohne intensiven Genuss, programmierten Mangel, systemische Konkurrenz, Effizienzzwang und nicht zu stoppende Routine.
Index Anthologie Henry David Thoreau, Marshall Sahlins, Jean Baudrillard, Guy Debord, Jaime Semprun, Juliet B. Schor, D. Graeber & D. Wengrow
1.2. Vergänglichkeit der Unmittelbarkeit und Verlust des Einfachen.
Die Unmittelbarkeit — der direkte Kontakt zu den anderen und zur sinnlichen Wirklichkeit — und das Einfache — die elementare Form der Erfahrung — schwinden zunehmend. Lebensformen, einst unentgeltlich und voller Sinn — wachsen, lernen, kämpfen, sich nähren, zeugen — werden zersetzt, vermittelt, umgedeutet in techno-produktive Funktionen. Der Prozess vereinfacht nicht: er reduziert. Das Einfache ist nicht das Kleine, sondern das, was sich in seiner unmittelbaren Fülle schenkt: das Licht auf einer Wand, das Geborenwerden und das Sterben. Wenn die Sinne sich schließen — durch Ablenkung oder Überfülle — erscheint das Einfache als Uniformes. Das Uniforme langweilt. Wer in die Langeweile fällt, findet nur Monotonie. So vergeht das Einfache, und mit ihm seine stille Kraft.
Index Anthologie François-René Chateaubriand, Martin Heidegger, Jean Baudrillard, Ivan Illich, Jacques Camatte
1.3. Verschwinden der Kreativität.
Die Fähigkeit, mit Händen und Sprache etwas zu schaffen, ist ein Grundpfeiler der menschlichen Ausdruckskraft, doch sie verkümmert allmählich. Seit jeher haben Männer und Frauen in der täglichen Schöpfung gelebt, in Gesten, Worten und Gegenständen, die ihrem Dasein einen Sinn gaben, da sie aus der unmittelbaren, praktischen und emotionalen Beziehung zu ihrer Umgebung entsprangen und den lebenswichtigen Bedürfnissen des Alltags entsprachen. Beeren sammeln und sie in einem geflochtenen Korb an einen anderen Ort transportieren, um sie zu Muss zu machen und gemeinsam zu essen – das waren einfache Gesten, die dem Tag Sinn und Fülle verliehen. Mit der Arbeitsteilung beginnt man, ganze Lebensbereiche an bestimmte Mitglieder der Gemeinschaft zu delegieren, die sich auf eine bestimmte Tätigkeit spezialisieren und sich damit unweigerlich anderen Tätigkeiten verschließen. Mit dem Aufkommen der Maschinen erreicht die Entfremdung von der Kreativität ihren Höhepunkt, und von der endgültigen Maschine, der künstlichen Intelligenz unterstützt (ersetzt), verschwindet auch die Fähigkeit, Sprache und Gedanken zu schaffen.
Index Anthologie
1.4. Einsamkeit und Ekstase der Promiskuität.
In der heutigen Welt erleben wir eine neue und paradoxe Form der Einsamkeit: Einsamkeit inmitten der Menschenmenge, genährt durch ständige Nähe. Die Städte, Verkehrsmittel und öffentlichen Räume sind voller Menschen, die sich nicht berühren, deren Augen sich nicht ansehen, die nicht aufeinander hören. Beim alltäglichen Essen, Gehen, Warten vervielfacht sich eine Einsamkeit, die keine Isolation ist, sondern gegenseitige Abwesenheit in realer Anwesenheit, Nähe ohne Verbindung. Rein physisches Zusammenfinden und Durchdringen der Menschen erzeugt keine Beziehung, sondern Sättigung: eine Art magnetische Ekstase ohne Ergebnis, was die Einsamkeit verstärkt, anstatt sie zu lindern.
Index Anthologie Edgar Allan Poe, Jean Baudrillard
1.5. Generalisierte Angstzustände und Depressionen.
Angst und Depression sind keine Ausnahmezustände mehr, sondern treten immer wieder im Leben der durchschnittlichen Menschen in der heutigen Leistungsgesellschaft auf. Der Mensch, zur Firma seiner selbst geworden und gezwungen, sein Leben als Humankapital zu optimieren, fällt infolge der ständigen Pflicht zur Selbstverwertung in einen Angstzustand, denn jeder Lebensbereich unterliegt der Marktlogik, die verlangt, begehrenswert, effizient und wettbewerbsfähig zu sein. Der persönliche Wert wird in Echtzeit anhand von Erfolgen, Selbsteinschätzung und Reputation gemessen, was eine chronische Spannung erzeugt. Die Depression entsteht als Folge der Entwertung: Wer im Wettbewerb nicht auffällt, verliert - was das Individuum in die Depression führt. Es bricht zusammen, denn es empfindet diese mangelnde Markttauglichkeit als persönlichen Bankrott. Die unaufhaltsame Ausbreitung von Psychopharmaka und zunehmende Suizide, bereits im Vorjugendalter, sind eindeutige Indizien.
Index Anthologie Giorgio Cesarano & Gianni Collu
1.6. Kontrolle und Überwachung.
Kontrolle geschieht nicht mehr äußerlich und punktuell, sondern dauernd und überall; sie dringt in jeden Augenblick des Alltags. Keine noch so geringe Handlung, kein Wort, keine Bewegung, die nicht verfolgt, gemessen und aufgezeichnet wird. Überwachung ist keine Ausnahme mehr, sondern eine verbreitete Praxis, integriert in die technische Umwelt im Alltag. ¶ In Kindheit und Jugend verhindert das ständige elterliche Eingreifen bei jeder noch so geringen Angelegenheit: eine Geste, ein Wort, ein kleiner Konflikt, die eigene unmittelbare Erfahrung des Heranwachsenden mit Beziehungen, verhindert die eigene Erprobung von Grenzen und das Erlernen des Umgangs mit den eigenen Kräften und Schwächen. So wird es unmöglich, ein Selbst zu bilden, das fähig ist, sich in der Wirklichkeit zu orientieren und aktiv an der Gemeinschaft teilzunehmen.
Index Anthologie Alexis de Tocqueville, Juan Donoso Cortés
1.7. Eingeschlossen sein.
Die Existenz entfaltet sich in zunehmend isolierten und überwachten Räumen. Der Zustand des Hikikomori ist keine marginale Pathologie: Er wird zum generellen Schicksal. Immer mehr Menschen leben Tag für Tag, ein ganzes Leben lang in geschlossenen Umgebungen. ¶ Bis vor wenigen Jahrzehnten jedoch war das Leben der meisten Menschen nicht städtisch: sie lebten im Freien, in Kontakt mit der Natur, inmitten von natürlichen Geräuschen und Gerüchen, in der aristophanischen Penía, in der lebendigen und gemeinsam geteilten reiz- und an Dingen armen Welt, was den Genuss der Gegenwart begründete. Die Bäume waren nah und ebenso die wilden Tiere, die ständig in den Raum des Lebens und der Arbeit eindrangen. ¶ Aber auch das städtische Leben war anders: Welch ein Unterschied zwischen einem neapolitanischen basso mit seinen Häusern, aus deren offenen Türen und Fenstern Liszt noch die Noten von Fenesta vascia einfangen konnte, und einer Wohnung im sechzehnten Stock, nur mit dem Aufzug erreichbar! ¶ Die Einsperrung von Kindern und Jugendlichen, einst das Unglück weniger (der Kranken oder der Wohlhabenden) , und heute Schicksal der meisten, bildet mit das Fundament der kognitiven Spaltung, auf die wir unten eingehen. ¶ Wie viel Leben fehlte der Kindheit von Giacomo Leopardi, der von einem Rosengarten weder Düfte noch Farben, noch das Gewimmel geflügelter und kriechender Kreaturen kannte, dagegen nur von Verfall und Tod wusste: Er beschrieb die bestäubende Arbeit der Bienen als Vergewaltigung und Verletzung! Oder wie viel Leben ging der Kindheit von Charles Baudelaire ab, der den künstlichen Geruch von Benzoe dem einfachen Duft von Rose und Veilchen vorzog? ¶ Welche sterile Wahrnehmungswelt hinderte den kleinen Eugenio Montale daran, jenen „kaum sichtbaren Glanz, der sich über alle Dinge erstreckte" zu erkennen, der im Gegensatz zu ihm Martin Heidegger als Kind erleuchtete, während seine Rindenschiffchen im Schulbrunnen segelten? Derselbe Glanz, der Vincenzo Bugliani als Kind in Rennen mit Kürbisschiffchen im kleinen Mühlteich von Monte di Pasta umhüllte, der ihm wie „das irdische Paradies" erschien. Montale musste diese Schiffchen wie auch Leopardi von weit weg beobachten, als im Haus eingeschlossener Zurückgezogener, und jene schmalen Schiffchen, die für den kleinen Martin „noch leicht ihr Ziel erreichten", sah er nur schiffbrüchig „in den Strudeln seifigen Wassers" untergehen. ¶ Leopardi, und viele andere Dichter auch, erfasst die Realität nicht „tiefer": er sieht sie nur weniger. ¶ Walter Benjamin, aufgewachsen in bürgerlichen Berliner Interieurs, entwickelt eine Vision der Geschichte, die an den leopardischen Garten gemahnt, wo Bienen und Sonne Rosen foltern, und jedes Leben Gemetzel ist: Nur Trümmer sieht Benjamins Engel, vom Wind des Fortschritts vorangetrieben, in der Rückschau auf die Geschichte. Er erkennt nicht, dass in diesen Ruinen Leben da ist: Der junge Soldat, verwundet im Krieg des Kapitals, der auf Urlaub die schönsten Tage seines Lebens mit seiner Geliebten verbringen wird, die ewigen Augenblicke der Gegenwart erlebend, bleibt ihm unsichtbar. ¶ Am Beispiel der sogenannten wilden Kinder erkennen wir, dass der Spracherwerb nach einem gewissen erreichten Alter kaum mehr nachgeholt werden kann. So verliert vielleicht derjenige, der in der Kindheit den unmittelbaren Kontakt mit dem Einfachen verpasst — spontane Spiele, ungebändigte Abenteuer, große Freundschaften, Streitigkeiten und Versöhnungen, die lehren, sich selbst und die anderen zu spüren und einzuschätzen — später die Fähigkeit, diesen Erfahrungsreichtum nachzuholen. Ihm fehlte das intuitive Lernen der Beziehungswirklichkeit, der körperlichen Signale, die aus dem Ton gesprochener Worte und symbolischen Gesten zu lesen sind. Er hat den Umgang mit Konflikt und wie man sich wieder versöhnt nie gelernt. Diese verlorene Gelegenheit hinterlässt eine Spur: die Wahrnehmung bleibt amputiert, und auf dieser Wunde siedeln sich kraftvolle, aber gespaltene Bilder an. ¶ Diese erwähnten Dichter verstanden wenig von den einfachsten und schönsten Dingen, besaßen jedoch das Genie, eine literarische Wirklichkeit zu erschaffen, die ihr Leiden über diesen fehlenden Zugang, diesen Mangel, durch ein stellvertretendes Gefühl von Auserwähltheit und besonders feiner Sensibilität kompensierte. Dieses elitäre Konstrukt verleiht noch heute vielen, die in der Kindheit diese prägende Urerfahrung der einfachsten natürlichen und sozialen Dinge nicht gemacht haben, die Prothese, die ihre existenzielle Unsicherheit kaschiert. ¶ Kein Wunder, dass ihre Weltvision den mächtigen Mythos der notwendigen Erlösung fordert. So wird die heilsame Erwartung zum Durchgang gemäss Montale, zur Jetzt-Zeit nach Benjamin, und die Natur wird für Leopardi eine stiefmütterliche Feindin, die bekämpft werden muss. Es ist dieses Versprechen der Erlösung eine konstitutive Komponente des Abstraktionsprozesses, der die moderne Imagination formt: Die Realität genügt nicht, sie muss bekämpft, überwunden, besiegt werden. ¶ Dieses domestizierte, wirklichkeitsscheue Dasein ist somit nicht nur ein Zustand physischer Abgeschlossenheit, sondern auch ein Zustand der Seele: Man vertraut dem was sich zeigt, was ist, was sich berühren lässt, nicht – und weiss, geprägt durch eine realitätsferne Kindheit, nicht, wie man wach und lebenstauglich den Pfad des Tages gehen soll: nach Heraklits Dictum ein Schlafender, in seine private Traumwelt gehüllt.
Index Anthologie Boris Vian
1.8. Verfall des lebendigen Körpers.
Der Verfall der leiblichen Fähigkeiten, der mit dem Zivilisationsprozess einhergeht, am stärksten im Westen, ist nunmehr offenkundig. ¶ Zusammenbruch der Haltung: von aufrechten Schultern zur vorherrschenden Kyphose; Muskelatrophie: von spontaner Tonizität zur verbreiteten Hypotonie; Kraft wird nicht mehr gebraucht, man träumt vom Exoskelett; Schwund der spontanen Gesichtsmimik: deren ausdrucksstarke Beweglichkeit wird zum Bildschirmgesicht, in dem das Lächeln erloschen ist; die motorische Anmut geht verloren: von fließenden Bewegungen geht es über zur Mechanik der Geste; Stoffwechselentgleisung: der an Knappheit angepasste Leib versagt angesichts künstlicher Nahrungsfülle und schwankt zwischen Mangel und Überschuss; Verlust des Gleichgewichts und der propriozeptiven Sensibilität: von Kindern, die einen Graben auf einem Bambusrohr überqueren, zum häufigen Stolpern auf dem asphaltierten Gehsteig; Reduktion des Atems: vom vollen Zwerchfell, das körperliche Aktivität, Sprache und Gesang begleitete, zur kurzen, thorakalen Atmung, dem Begleiter von Angst und Bewegungslosigkeit. ¶ Zu diesen Aspekten gesellt sich ein subtilerer und frühzeitigerer Verfall: die funktionale Atrophie der taktilen und kutanen Sensibilität – die in frühester Kindheit beginnt, mit dem fortschreitenden Ende der Praxis, Säuglinge in körperlichem Kontakt zu tragen – der ersten und fundamentalen Umgebung von Kommunikation und Sinn von Präsenz, sowohl in innerartlichen wie außerartlichen Beziehungen, insbesondere mit anderen Säugetieren. ¶ Die Haut ist bekanntlich ein Gewebe desselben Ursprungs wie das Nervensystem und gehört gewissermaßen zu ihm; ihre Atrophie ist eine Beschränkung des Zugangs zu einer primären Form von Genuss, Intelligenz und Beziehung. ¶ Der Leib wird zum funktionalen Rest, angepasst an Sitz und Bildschirm, gestützt von Medikamenten und Prothesen. Seine Degeneration ist bereits Nachfrage nach Waren auf einem grenzenlosen Markt: Diäten, Fitness, Chirurgien, Nahrungsergänzungsmittel, Beatmungsgeräte. Die Gesundheit ist das Herz des herrschenden Diskurses, mit der Wohltätigkeit als ihrer verlockendsten Form: die Industrie des kranken Leibes, die sich als Geschenk präsentiert. ¶ Weniger beachtet und erforscht, aber nicht weniger beunruhigend, ist das weitgehende Verschwinden von Singen und Tanzen, die jahrtausendelang das Leben von Männern und Frauen begleitet haben. Es waren keine Fertigkeiten, sondern Formen von Präsenz. Man sang und tanzte überall: in Gruppen oder allein, jung und alt, in alltäglichen Gesten oder in Übergangsriten: Geburten, Tode, Hochzeiten, Feste. Es waren geteilte und beständige Praktiken, die Arbeit, Nahrung, Trauer und Feier vereinten. Im individuellen Gesang offenbarte die Präsenz all ihren Reichtum. Der Tanz, selbst nur angedeutet, signalisierte die Vitalität des Leibes. Heute sind diese Praktiken, oder vielmehr diese Freuden, aus dem wirklichen Leben verschwunden. Sie überleben, entstellt, in der Show- und Unterhaltungsindustrie, neben vielem anderen, das bereits absorbiert ist oder von der kombinatorischen Logik absorbiert werden soll.
Index Anthologie
1.9. Unbegrenzte Kommodifizierung • They have brought whores for Eleusis (E. Pound).
Jeder Aspekt des menschlichen Lebens: Emotionen, Beziehungen, Erinnerungen, Identität, kann isoliert, bewertet und in eine Ware verwandelt werden. Selbst das, was einst unverkäuflich war: Gedichte und Geschichten, Worte, Pflanzen- und Tierarten, hat heute einen Preis. Gefühle werden zu Inhalten, persönliche Geschichten zu Verkaufspaketen, Leiden zu einer Mediengelegenheit. ¶ Auch der menschliche Leib wird zerlegt und neu zusammengesetzt: Organe, Eizellen, Gebärmütter werden verkauft, die Fähigkeit zur Fortpflanzung wird vermietet, Identität wird gekauft, der Auftritt bei einem Abendessen wird bezahlt. Nichts ist mehr unzugänglich, nichts ist mehr heilig. ¶ Der Mensch ist nicht nur dem Markt ausgesetzt: Er ist zur Ware geworden – angeboten, ausgestellt, monetarisiert, aktualisiert.
Index Anthologie Karl Marx, Jaime Semprun, Chuck Palahniuk
1.10. Plastifizierung der Sprache.
Der Verlust der Beziehung zu den Phänomenen und zur Lebenswelt übersetzt sich in eine Plastiksprache, in der plastisch anwendbare Wörter ohne eigene definitorische Kraft nur konnotativ sinnvoll sind (z.B. Sexualität, Entwicklung, Kommunikation, Information, Ressourcen, Partner, Dienstleistungen, Governance, Nachhaltigkeit, Resilienz, Inklusion, Kompetenz, Exzellenz). Sie bilden die Brückenköpfe des technischen Systems im Alltagsjargon. Die alte gesprochene Sprache wird in ihrem Reichtum und ihrer semantischen Plastizität kolonisiert und zerstückelt. Dieses Phänomen ist Teil einer alten Tendenz, die bereits im Verlust der Unmittelbarkeit der ältesten schrift-zivilisatorischen Sprachen gegenüber der performativen und rituellen Dichte oraler Kulturen erkennbar ist. Parallel zur semantischen Verarmung haben die Sprachen eine morphologische Degradation erfahren: Die Fälle und Verbkonjugationen verschwinden, man kennt nicht mehr den Dual, und man setzt dafür Präpositionen und Hilfskonstruktionen. Damit werden die Wörter starrer und verlieren an modulierten Nuancen. Es reduziert sich das, was sich einst in unendliche Variationen bog und formen liess, heute auf standardisierte Floskeln, die zwar transparenter aber auch ausdrucksärmer sind. Die heutige Stereotypisierung der Sprache fördert zudem eine andere Tendenz: die Tendenz. geschichtliche Entwicklungen als natürliche auszugeben, um sie gegen Kritik immun zu machen. Damit verwandelt sich das Leben in ein Laboratorium, was den Verlust an Unmittelbarkeit und Kreativität mit sich bringt.
Index Anthologie
1.11. Verlust der Lebensfreude • Die Ermordung Epikurs.
Vor allem im Westen ist der Verlust an Lebensfreude bereits in den Gesichtern der Passanten abzulesen; Lebensfreude: jene Fülle der Beziehung zum Lebendigen, zum Kosmos, zu anderen und zu sich selbst. Genießen bedeutet den Einbezug der Spontaneität des Seins, indem man sowohl das Vorhersehbare als auch das Unvorhergesehene aufnimmt und sinnliche Erfahrung in ein freies Kontinuum aufnimmt. ¶ Es geht um eine Kontinuität, die Aufmerksamkeit und Präsenz erfordert. Sie wird durch das allgegenwärtige Rauschen der Medien und Apparate gestört und unterbrochen, durch Leistungs- und Repräsentationsängste abgelenkt, von verbreiteter Depression unterdrückt. So löst sich die Erfahrung vom Körper, die Beziehung reduziert sich auf ein Bild, die Lust beugt sich der Effizienz, die Freude der Unterhaltung, während jede Spontaneität von der Kontrolle vernichtet wird – und damit vergeht jede Lebenslust.
Index Anthologie
1.12. Metafakt: das kognitive Schisma.
Vor diese Tatsachen gestellt spaltet sich die Menschheit: Eine Minderheit - selbst in der „intellektuellen“ Welt - sieht die auftauchenden schweren Diskrepanzen, auch wenn sie oft versucht ist, sie zu verdrängen; eine wachsende Mehrheit ist blind und erkennt nicht ihre schwerwiegenden Folgen. Jedes durchschnittliche Alltagsgespräch beweist das. Es handelt sich weniger darum, ob Fakten zur Rede kommen oder nicht, sondern darum, wie, die Art und Weise wie Fakten wahrgenommen oder ausgelöscht werden; also um ein Metafakt.
Index Anthologie Clint Eastwood
2. Entfernte Stufe des Abstraktionsprozesses.
Anamnese: Rufen wir in die historische Erinnerung zurück, was an ersten Spuren dieses entfremdenden Abstraktionsprozesses feststellbar ist. Er bricht nämlich nicht plötzlich in die Menschheitsgeschichte ein, sondern hat historisch tiefe Wurzeln in der Vorgeschichte. Bereits in den ersten Formen der Anthropogenese, als sich die symbolischen Fähigkeiten entwickelten und die Sprache sich festigte, begann der erste Versuch, sich dem chaotischen Rhythmus der Natur zu entziehen und ihn durch künstliche Strukturen von Zeit zu ersetzen. In dieser embryonalen Phase ist das Symbol – und mit ihm die Sprache, die technische Geste, das Wohnen – noch nicht von der leiblichen und äussern natürlichen Realität getrennt, beginnt aber als Instrument der symbolischen Herrschaft zu fungieren. Die Zeit wird nicht mehr als organischer Fluss der Jahreszeiten, Schwangerschaften, Mondzyklen usw. erlebt, sondern als isomorph und somit auf eine kodierte Abfolge reduzierbar: Kalender, Uhrzeit, Maß. Dasselbe gilt für den Raum, der als gelebter Ort mit Dingen und Abständen ebenfalls homogenisiert, isomorph eingeebnet zu einem geordneten Koordinatennetz wird. Vorerst betrifft das die Stadt, dann auch das Land. Die Domestizierung der Natur erfolgt also vorerst auf symbolischer Ebene und geht jeder Intervention durch Infrastruktur und Maschinen voraus. Damit setzt die Regularisierung des Lebens ein: Ein Raum-Zeit-Raster bereitet die Bühne für die eigentliche Aktivierung des Prozesses vor. Diese Entwicklung ist zu Beginn der Jungsteinzeit feststellbar; möglicherweise wurde sie durch eine reale existenzielle Bedrohung ausgelöst, beruhte aber auf bereits vorhandener menschlicher Disposition. ¶ Der Abstraktionsprozess ist keine lineare Abfolge von Ursachen und Wirkungen, sondern die Wechselwirkung verschiedener Momente menschlichen Daseins: die Unfähigkeit, die Realität auszuhalten, das Streben nach Erlösung, die Feindschaft zwischen Menschengruppen, die Macht von Ideen und erste Realabstraktionen (Staat, Geld, Technik). Die hier erfolgende Darstellung besagter Momente geschieht in separaten Kapiteln, bedeutet aber keine zeitliche Abfolge.
Index Anthologie André Leroi-Gourhan
2.1. Human kind cannot bear very much reality (T.S. Eliot).
Eine Schwierigkeit mit der Akzeptanz der Realität scheint seit Urzeiten zu bestehen. Wenn sie nicht überwunden wird, wird die Realität als Exzess verstanden, als zu intensiv und aufdringlich. Infolge dessen versucht der Mensch, sie zu verleugnen, von sich zu weisen oder zu neutralisieren.
Index Anthologie T.S. Eliot
2.1.1. Erschaffung einer imaginären Welt.
Die Unfähigkeit, die Realität zu ertragen, führt zur Entstehung imaginärer Welten, privater oder kollektiver, die die gemeinsame Erfahrung ersetzen oder verzerren. Der Geist entzieht sich dem Gemeinsamen und Sinnlichen und konstruiert Fragmente einer autonomen Realität. Diese Fragmente sind inkohärent oder unvollständig und von der gelebten Welt abgekoppelt.
Index Anthologie Hērákleitos
2.1.1.1. Vorstellung • Spektakel.
Der von der Erfahrung getrennte Erzählinhalt äußert sich als Mythos, Grosse Geschichte, als Ritual und Schauspiel. Ursprünglich betrafen Darstellungen vor allem das Heilige, die Gottheiten, die Figuren der Vorstellungswelt; mit der Zeit wurden sie auch zum historischen Gedächtnis und zur Selbstdarstellung eines Volkes: Kriege, Genealogien, Heldentaten. Mit der Entstehung des modernen Individuums verlagerte sich die Darstellung hin zum persönlich-biographisch Erlebten, bis hin zu den heutigen Formen, in denen die alltägliche und private Selbstdarstellung zum Spektakel wird: Reality-TV, soziale Medien. Alles direkte Erlebte distanziert sich in einer künstlichen Darstellung.
Index Anthologie André Leroi-Gourhan, Guy Debord
2.1.2. Verdrängung • Escamotage • Détournement.
Die Ablehnung der Realität geschieht über psychologische Operationen, die tiefgreifend, kontinuierlich und universal sind. ¶ Die Verdrängungist die erste davon. Sie verbirgt nicht nur einen Inhalt, sondern verhindert dessen Auftauchen: Sie löscht die Spur, bevor sie überhaupt zum Gedanken wird. Schmerz, Zerrissenheit, Verlust: Alles, was nicht ertragen oder benannt werden kann, wird aus dem Bewusstsein ausgeschlossen und bildet und nährt eine Ablagerung, die das Unbewusste genannt wurde. ¶ Escamotage (Tarnung) löscht nicht, sondern entzieht dem Blick, bleibt jedoch für alle präsent. Was unerträglich oder störend ist, wird umgangen, beiseite gestellt, am Rand gelassen. Es ist ein Tun, als ob. ¶ Détournement verdrängt nicht, sondern lenkt ab. Der Fluss der Rede oder des Bewusstseins wird unmerklich verschoben, von dem entfernt, was unangenehm ist. ¶ Diese drei Operationen entstehen als Mechanismen der psychischen Abwehr, verwandeln sich aber in operative Instrumente der Domestikation.
Index Anthologie Jacques Camatte
2.2. Korrektur der Schöpfung • Bestrebungen zur irdischen Erlösung von der „stiefmütterlichen Natur“.
Die Unfähigkeit, die Wirklichkeit als „unerträgliches Übermaß“ zu ertragen, erzeugt schon in frühesten Zeiten die Erwartung eines radikalen Wandels. Diese begleitet die Entstehung von Landwirtschaft, Staat und Literatur und entwickelt sich im Lauf der Zeit zur Idee einer Abkehr von der Natur und des Aufbaus einer neu geschaffenen, von allem Übel befreiten Erde. ¶ Verwandlung an sich ist nicht abstraktiv: jedes Lebewesen verwandelt, und auch der menschliche Drang zu verwandeln ist natürlich. Anders ist die Überzeugung, dass eine radikale Trennung von der Natur notwendig sei. Sie geht bis hin zum Traum irdischer Unsterblichkeit. Diese an sich nicht religiöse Idee, die wir im hier erläuterten Sinn erlösend nennen, entsteht als universaler Traum in verschiedenen Kulturen (z. B. bei den Guarani im Amazonasbecken) in unterschiedlich starken Ausprägungen. Sie verstärkt sich selbst, sobald sie zur Schaffung realer Abstraktionen gelangt: geprägtes Geld, zentralisierter Staat, Schrift, systematische Akkumulation von Reichtum. Seien wir uns bewusst, dass der Begriff „Erlösung" legitimerweise sowohl spirituelle und eschatologische Bestrebungen als auch reale nicht-abstrakte Veränderungen bezeichnet. Doch gerade im religiösen, kryptoreligiösen und philosophischen Feld nimmt dieses Streben oft eine irdische Dimension und geht bis zur radikalen Negation des natürlich Gegebenen. Die erwähnten Realabstraktionen und die Erlösungsaspiration setzen eine positive Rückkopplungsschleife in Gang, die unter günstigen Bedingungen und mit statistisch unterschiedlichen Ergebnissen zu einem autonomen und sich selbst erweiternden Prozess werden. Es ist eine verifizierbare und nahezu universelle Geschichte: Indien, China, amerikanische Hochkulturen… — aber es sind auch Antworten auf diese exaltierten millenaristischen Erlösungsbestrebungen verzeichnet: Versuche der Eindämmung und des Widerstands sowohl seitens der archaischen, östlichen, islamischen Religiosität, als auch im orthodoxen Christentum und von Seiten der Staaten. Auch in Europa treten Erlösungsbewegungen in der Folge des Einflusses der untergründigen hellenistischen und gnostischen Traditionen (wenn auch nicht als pure Weltflucht) und mit dem hellenisiert-kabbalistischen Judentum sowie mit dem Augustinismus auf. ¶ Der Abstraktionsprozess macht einen weiteren Fortschritt und verstärkt seine Präsenz im Religions-Staats-Komplex. ¶ Die Kraft der erlösenden Idee, als normative Referenz übernommen, überträgt sich auf andere abstrakte Ideen, ihre Durchgänge und Konkretisierungen: Allgemeine Rechte, Freihandel, Demokratie, Sozialismus, Gleichheit, Eigentum, Ewiger Friede und Benthams Emanzipationskatalog. Diese grossen Ideen und ihre Verwirklichung stellen sich als große Verbesserungen dar und erlauben, jede gegebene soziale Situation allein deshalb zu verurteilen, weil sie gegeben ist, ohne je beweisen zu müssen, dass das Neue wirklich besser sein wird. Gewöhnlich sind die Folgen denn auch danach und entsprechen keineswegs den in die Neuerungen gesetzten Erwartungen: die Heterogenese der Zwecke. ¶ Eine vielfach transformierte Erlösungssehnsucht ist de facto einer der Hauptmotoren, die vom Abstraktionsprozess genutzt werden: Ohne das Versprechen der Erlösung besäße er nicht seine kämpferische und visionäre Kraft des Fortschritts. Alle erlösenden Bestrebungen haben zudem die Wirkung, Zeit in reines Warten zu verwandeln: auf den Messias, auf den geheimen Meister der Alchemisten, auf das Proletariat, auf die Jetzt-Zeit, auf die unsichtbare Insurrektion, auf die kommende Zeit, auf den Chip, auf die Singularität. ¶ Eine Schwächung des Erlebten und der Präsenz, die genau mit den Ängsten der Ware korrespondiert, die unaufhörlich auf ihre Verwertung wartet.
Index Anthologie pseudo Alighieri, pseudo Goethe
2.2.1. Unsterblichkeit.
Im Herzen der erlösenden Idee nistet sich die Hoffnung auf eine mögliche irdische Unsterblichkeit ein. Im religiösen Bereich, nicht zu verwechseln mit einem jenseitigen Reich, nimmt dieses Streben, obgleich allgegenwärtig, einen doktrinär weiterentwickelten und operativen Charakter in der westlichen – jüdischen und augustinischen – Geschichte an. Unter „augustinisch“ verstehen wir zum einen den Katholizismus, der auch in Zeiten des öffentlichen Bekenntnisses zum Thomismus, wie etwa im 19. Jahrhundert, seine augustinische reale Praxis, die sich damals zum jansenistischen Rigorismus entwickelte, nicht wesentlich änderte. Wir verstehen unter „augustinisch“ zum andern auch die zentralen Zweige des Protestantismus (Luthertum und Calvinismus) die nicht nur den Thomismus, sondern auch die anti-abstraktiven Überreste im Evangelium beseitigten; gemeint ist die Offenheit für das Einfache, für die Kindern (deren Vertreibung aus den Kirchen durch Lutheraner ein explizites Symbol für die Liquidierung des jesuanischen Erbes ist: „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“, „lasst die Kindlein zu mir kommen“); der Protestantismus beseitigte aber auch die Kritik am Tauschwert und an berechnender Spekulation, womit er den Augustinismus zu seinen äußersten Konsequenzen treibt. Zudem privilegiert er das alte alttestamentarische Modell. Die Idee der jenseitigen Unsterblichkeit verbleibt im Bereich des Unerkennbaren, während die Idee der irdischen Unsterblichkeit, das Versprechen eines Lebens ohne Tränen und Frustration mit diesem unvereinbar ist. Sie zieht der gegebenen Wirklichkeit das Nichts vor. ¶ Archaische Kulturen haben stets die Gefahr dieses Strebens verstanden, das sie zwar oft entwickelten, aber immer einzudämmen suchten. In den großen mesopotamischen und griechischen Mythen wird das Verlangen nach ewigen Leben als Wahnsinn, als Hybris dargestellt: Gilgamesch sucht die Unsterblichkeit und scheitert, Sisyphos und Tantalos werden zu endlosen Strafen verurteilt, weil sie die Grenze überschreiten wollten, Tithon erhält das ewige Leben, altert aber fortwährend. Der Mythos fungiert hier als Kat’echon: Er erzählt vom Impuls, um ihn zu deaktivieren. Auch in der jüdischen Welt und im frühen Christentum koexistierten Vorstellungen vom Tod als einer heraklitischen Gegebenheit der Schöpfung, als Teil des göttlichen Plans, und andere, die ihn als Sold der Sünde darstellten, als einen Fall der Natur selbst, eingetreten in die Welt durch den Ungehorsam des ersten Menschen. Paulus und der Evangelist Johannes verheissen in ihrem irdischen Tausendjährigen Reich einen „neuen Himmel und eine neue Erde“, wo „es keinen Tod mehr geben wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal“ und, ein nicht zu vernachlässigendes Detail, auch kein Meer mehr (Ethologen verzeichnen bei Walen einen lebhaften und anhaltenden Ausdruck der Trauer um den Verlust ihrer Jungen; nun, in den entschlossenen johanneischen Visionen kein Meer, kein Chaos, keine Wale oder Walkälber, keine Trauer mehr). Vor allem dann aber mit Augustinus wurzelt sich die Idee der Erlösung endgültig in der westlichen christlichen Tradition ein. Sie verstärkt sich im Protestantismus, wird zur Matrix des Denkens und zum mentalen Käfig, wandelt sich zur revolutionären Hoffnung, transformiert sich zum schwachen Messianismus des Wartens, bis hin zum technologischen Mythos des zeitgenössischen Transhumanismus. ¶ Es geht nicht nur darum, die Endlichkeit zu leugnen, sondern darum, ihre Überwindung zu entwerfen: sich vor der Verderbnis retten, die Zeit überleben, indem man sie unendlich verlängert. Doch solches Streben nach Unsterblichkeit verrät ein tiefes Missverständnis dessen, was Ewigkeit wahrhaft bedeutet. Die Reduktion der Lebenszeit auf eine homogene und messbare Dimension verwandelt das, was eine authentische Erfahrung des Ewigen sein könnte – jene Fülle, die manchmal in Momenten höchster vitaler und relationaler Intensität gespürt wird – in die bloße Erwartung einer Fortdauer, die bereits im Mythos des Sisyphos perfekt beschrieben ist.
Index Anthologie Francesco d'Assisi, Jonathan Swift, A.E. van Vogt, Ivan Illich
2.2.1.1. Vom vitalen Konflikt zur Feindschaft • Das „Böse“ ausrotten.
Die Erlösung schafft den Feind: Was den Sündenfall, das Böse, die Unvollkommenheit verursacht – oder auch nur die Erlösung behindert –, muss vernichtet oder neutralisiert werden: sei es eine Pflanze, ein Tier, ein Mensch oder ein Volk. Die Beziehung zum anderen basiert nicht mehr auf Beziehung, Zusammenarbeit und Konflikt als lebenswichtigen Formen, sondern auf einer abstrakten Ordnung, die eine von jeglicher Negativität gereinigte Welt fordert, in der auch der natürliche Konflikt als lebendige Form der Beziehung ausgeschlossen ist. ¶ Der vitale Konflikt jedoch, auch der gewaltsame zwischen Räuber und Beute, zwischen Gruppen um Territorium, zwischen Individuen und Gemeinschaften um Ressourcen oder aus dem Willen zu obsiegen, ist natürlich (oftmals wird Gewaltanwendung die Flucht vorgezogen). Er entspringt konkreten Bedingungen und erschöpft sich im Erreichen oder Nicht-Erreichen des Ziels, ohne dass abstrakte Ehre oder Pflicht ins Spiel kommen. Die messianisch getönte Feindschaft ontologisiert hingegen den Gegner: es ist nicht mehr dieser Wolf, der die Herde bedroht, sondern „das zu tilgende Raubtier"; nicht mehr diese Gruppe, die um dieselben Ressourcen konkurriert oder sie dominiert, sondern „das Volk, die Religion, die zu eliminierende Feindklasse" bestimmen das Feindbild. Nicht mehr die praktische Intelligenz ist ausschlaggebend, indem sie die Situationen bewertet, Gelegenheiten berechnet, der Notwendigkeit gemäß handelt, sondern das abstrakte Ideal, das jeden besonderen Konflikt in einen ontologischen Kreuzzug verwandelt. ¶ Diese Dimension der Erlösung, die Feindseligkeit schürt, liegt der modernen Vorstellung von Wissenschaft zu Grunde; sie stützt sich auf einen impliziten und nie realisierten Konflikt zwischen gegensätzlichen Lesarten der Idee der Entdeckung. Da ist einmal eine kognitive Lesart von Entdeckung. Sie ist mit der überschwänglichen und vielfältigen Kreativität verbunden ist, die noch immer in der mittelalterlichen Polytechnischen Schule zu finden ist, ist aber auch verbunden mit den Ideen und der besonderen Erkenntnistheorie, die aus der griechischen Kultur übernommen worden ist. In dieser leiten wissenschaftliche Hypothesen die Entdeckung durch die Konstruktion theoretischer Modelle realer Phänomene. Das ist eine Interpretation, die sich nicht auf die Untersuchung der Natur an sich, sondern vielmehr auf die Beziehung zwischen Mensch und Natur konzentriert. Die andere, vorwissenschaftliche Lesart mit dunklen und verzweigten Wurzeln in den Ruinen alter Reiche konzentriert sich hingegen auf die Entdeckung als Eroberung, ein archaischer militärischer Begriff, der auf das Eindringen des Willens des Entdeckers in das Wesen des Entdeckten verweist, wodurch dessen Natur zerstört und es dem eigenen Bild assimiliert wird. Diese zweite Lesart hat sich letztendlich die erste untergeordnet und ihr nach und nach ihre Bedeutung genommen, ohne dass es zu einer expliziten Auseinandersetzung gekommen wäre, und dies trotz der Tatsache, dass Entdeckung als Eroberung und Entdeckung als Kultivierung, Wissensaneignung und organische Entwicklung zwei gegensätzliche Pole darstellen.
Index Anthologie Jacques Camatte
2.2.2. Idee der Macht • Totale Kontrolle.
Vielleicht aufgrund einer vorneolithischen Krise (eine Hypothese) vertiefte sich die Trennung der Menschheit von der Natur, womit die Umwelt für die Menschen immer weniger gastfreundlich wurde. Neben Umweltkrisen nehmen auch die sozialen zu und so entstanden Instrumente symbolischer und konkreter Kontrolle: Zonen, verbindliche Masse und Gesetze plus deren Überwachung. Eine zentrale Macht mit Gewaltmonopol entsteht; sie soll dem Leben wieder Stabilität verleihen, Schutz vor der Ungewissheit anbieten. Von den Menschen wird dieses Organ, der Staat, nicht nur als notwendig angenommen, sondern auch als etwas verinnerlicht, was abstrakte Identität konstituiert. Von nun an wird jede Form von Staatsregierung vom ängstlichen Streben geprägt sein und diesen urzeitlichen Abdruck tragen: ängstliches Streben nach einer unerreichbaren absoluten Sicherheit als Antwort auf die tief sitzende Angst ihrer Bürger.
Index Anthologie Ludwig von Bertalanffy, Cornelius Castoriadis
2.2.3. Egalité • Löschung von Unterschieden.
Im Masse wie sich die Bewegung des Tauschwertes als allgemeinen Äquivalentes durchsetzt, kommt auch die Idee formal-abstrakter Gleichheit unter den Menschen auf. Damit wird die ursprüngliche qualitative Gleichheit (Äquivalenz) verstanden. Der Mensch wird vermessen und für gleich befunden, was heisst: Auch am Menschen muss alles messbar werden. Persönliche, nicht auf Äquivalenz beruhende Beziehung, getragen von der konkreten Anerkennung der Unterschiede unter den Menschen im Zusammenarbeiten, Sichergänzen, Konfliktaustragen und Füreinandersorgen wird in der gleichgeschalteten Gesellschaft verdächtig. Mehr und mehr verlieren die individuellen und gemeinschaftlichen Fähigkeiten ihre Bedeutung zugunsten von übergelagerten Institutionen. Diese verstehen sich als einzig zum Handeln berufene und berechtigte Instanz, die die Sachen regeln kann. Diese Institutionen wahren bürokratische Unparteilichkeit gegenüber fiktiv gleichwertigen Menschen, die nun, ihrer Eigeninitiative beraubt, auf diese angewiesen sind. Gleichheit fällt so mit der gleichen Unterordnung aller unter die Institutionen zusammen. Damit kommt die individuelle Verantwortung nicht mehr in den Beziehungen mit anderen Menschen und ihrer organischen Gemeinschaft zum Ausdruck, sondern besteht nur noch gegenüber dem Staat: das Band der Nähe wird zugunsten eines Zustands der Entfremdung gebrochen, eine Beziehung der Indifferenz und Gleichgültigkeit. Das polare Begriffspaar Gleichheit–Unterschied erfährt in der kognitiven und emotionalen Entwicklung, die progressiv von der Bewegung des Werts beherrscht wird, dasselbe Schicksal wie viele andere: Frieden–Krieg, männlich–weiblich, Individualität-Gemeinschaft, operative Indifferenz–Rollen und geordnete Arbeitsteilung–Chaos. Die beiden Begriffe werden dissoziiert (das Gegenteil der Yin-Yang-Symbolik), je hypostasiert und als Gut und Böse moralisiert. Statt die strukturellen, zeitlichen und natürlichen Umstände in Betracht zu ziehen und auf die Erfahrungen der andern einzugehen, wird moralisiert und abgeurteilt. Es tritt eine kognitive Verschiebung mit starken emotionalen Folgen ein, die die systematische Verunglimpfung von allem mit sich bringt, was existiert; dies geschieht immer auf der Grundlage eines vermessenen Urteils - doch man tut, als ob. Jeder wahrgenommene Unterschied verwandelt sich in eine zu beseitigende Ungerechtigkeit; jede kulturell-eigene Gestaltung, die Polaritäten kennt und integriert, darf, à merci, beseitigt werden. Dieser Institutionalisierungsschub ist ein permanenter modus operandi des Abstraktionsprozesses.
Index Anthologie Aristophánēs, Karl Marx
2.2.4. Prometheische Schande.
Das prometheische Schamgefühl entsteht aus dem Vergleich zwischen der menschlichen Unvollkommenheit und der vermeintlichen Vollkommenheit der technischen Schöpfungen. Der Mensch schämt sich seiner biologischen Zufälligkeit angesichts der Zielgerichtetheit der Maschinen; er schämt sich des Makels, geboren und nicht konstruiert zu sein.
Index Anthologie Günther Anders, Jean Baudrillard, Jacques Camatte
2.3. Anthropomorphose: Ideen, die erfasst und umgesetzt werden.
Einige abstrakte Ideen – Gottheit, Staat, Grundeigentum, Arbeit, Kapital, Erlösung – gewinnen erste menschliche Gestalt durch symbolische Darstellungen: Gemälde, Skulpturen, sprachliche Allegorien, die ihnen Gesicht, Namen und Präsenz verleihen. Später ergreifen sie die wirklichen Menschen, die aufhören, als autonome Subjekte zu existieren, und, gleichsam besessen, zu lebenden Inkarnationen der Idee werden: der Grundbesitzer, der sich zugrunde richtet im Versuch, das ererbte Land zu bewahren; der Unternehmer, der nur für das Unternehmen lebt; der Missionar und der Aktivist, die zu Maschinen der Erlösungsidee werden; der Träumer, der sich zum Werkzeug eines Ideals der Ur-Hierarchie macht; der Banker, der seine finanzielle Tätigkeit zu einem Mandat der heilsgeschichtlichen Weltverwandlung erhebt.
Index Anthologie Karl Marx, Fëdor Dostoevskij, Jacques Camatte
2.4. Zu Beginn des Prozesses: Abstrakte Drift vs. alternative Muster.
Die Entscheidung der Jungsteinzeit war weder unvermeidlich noch universell. Über Jahrtausende hinweg existierten beide Optionen nebeneinander: sesshafte Gesellschaften, die sich auf eine abstrakte Entwicklung einließen neben Völkern, die organische Lebensformen beibehielten. Letztere wurden durch systematische Völkermorde nach und nach ausgerottet und überleben bis heute in immer geringeren Resten. Die folgenden Daten dokumentieren den Anfang der neolithischen Abzweigung.
Kontrollinstrumente
• Streng kodifizierte landwirtschaftliche Kalender (sumerische Tafeln, Uruk III, 3000
v. Chr.);
• Geometrisierung des städtischen Raums (orthogonale Raster in Mohenjo-Daro, 2500
v. Chr.);
• Verteidigungsmauern mit trennender Funktion (Jericho, 9000 v. Chr.; Dicke 3 m, Höhe
5 m);
• Taxonomien „nützlicher-schädlicher” Arten (ägyptischer Papyrus aus Memphis, 2400
v. Chr.: 37 katalogisierte schädliche Tiere);
• Anhäufung von Überschüssen (Getreidespeicher von Çatalhöyük, 6000 v. Chr.: Fassungsvermögen
12 Tonnen gegenüber einem Jahresbedarf von 1,2 Tonnen).
Alternative Muster
• Keine Zeitmessung (San-Völker der Kalahari: Aktivitäten werden durch Licht/Jahreszeiten
und nicht durch Uhrzeiten geregelt);
• kreisförmige Lager ohne vorgegebene Geometrie (Ethnografie der Buschmänner !- Kung);
• Umweltdurchlässigkeit (Baka-Pygmäen: Wohnräume ohne physische oder konzeptionelle
Barrieren);
• nicht-antagonistische Beziehungen zum Nicht-Menschlichen (Warlpiri: Erde als relationales
Subjekt; Nayaka: Tiere als „Personen”);
• nicht-kompetitive Subsistenzwirtschaften (Hadza: Sofortige Verteilung ohne Anhäufung;
Batek: Ablehnung der Lagerung);
Dokumentierte Fakten
• Hyperkomplexität und Zusammenbruch (Catal Hüyük, 6000 v. Chr.: Dichte 10.000 Einwohner/km²
vs. dokumentierte Knochenepidemien);
• ökologisches Versagen (Harappan-Städte, 1900 v. Chr.: Versalzungsschichten in Mohenjo-Daro);
• Anpassung in der Krise (Aché-Völker während des Zusammenbruchs der Inka: Waldanpassung
vs. Monumentalbauten);
• rituelles Festhalten (Hopi vs. Chaco Canyon: flexible Regenzeremonien vs. starre
Bewässerung).
Index Anthologie André Leroi-Gourhan
2.4.1. Katastrophe und ursprüngliche Gewalt • Eine Hypothese.
An der Wurzel des neolithischen Sprungs liegt vielleicht die Panik ums Überleben. Eine Hypothese: Eine reale, nahezu universelle Bedrohung: Hungersnot, Raubtiere, Epidemien, klimatischen, geologischen oder ökologischen Ursprungs wird als Gefahr der Auslöschung empfunden und wirkt als Zünder für jene Unfähigkeit, die Realität zu ertragen, die mit der besonderen reflexiven Veranlagung der Art verbunden ist und unter normalen Bedingungen ein latentes pathologisches Potenzial bleibt. Die Antwort ist Gewalt: Explosion von Konflikten zwischen und in Ethnien, Ausrottung der Tiere, Waffen und Kriegstechniken. Um zu siegen, reichen Einzelne nicht aus: Es bedarf der Koordination, Hierarchie und des militärischen Kommandos. So entsteht die erste Megamaschine, der Embryo technischer und organisatorischer Macht. Nahrungsmittelspeicher folgen danach, um das Überleben zu sichern; Maße und Kalender kommen noch später, als Formalisierung der Kontrolle wider die Angst. Doch die Wunde ist bereits offen: Der Mensch traut der sinnlichen Wirklichkeit nicht mehr und ist fasziniert von der illusorischen Kraft der Ergebnisse der zivilisatorischen Veränderungen. Nun beginnt die verrückte Herausforderung, sich von der Natur zu lösen („befreien“), sich eine eigene Welt (mundus = rein, unberührt) zu schaffen, völlig kontrolliert und geborgen vor Bedrohungen, Feinden, Raubtieren, Gefahren. Eine verdrängte Erinnerung an die traumatische Existenzgefahr lebt weiter, obwohl die Bedrohung längst nicht mehr da ist. Die damals der Panik entsprungene Idee und Hoffnung der Neutralisierung und Überwindung der „gefährlichen“ Natur wirken bis in unsere Tage fort, obwohl die Beweise der Dysfunktionalität dieser paranoischen Aspiration schon längst auf dem Tische liegen. Nein, der Wahnsinn geht weiter und zielt auf eine Neukonzeption der biologischen Grundlagen des Menschen selbst, um unsere symbiotische Leiblichkeit abzuschaffen.
Index Anthologie
3. Der Abstractionsprozess: Verwandte, bewegliche und konflikthafte Komponenten.
Man könnte den Abstraktionsprozess nicht als ein intentionales menschliches Wirken, sondern als ein emergentes und retroaktives Phänomen mit einer eigenen Richtung definieren. Er nimmt seinen Ausgang von menschlichen Verhalten, Entscheidungen und Hervorbringungen (die aus Ideen entspringen: Abstraktionen), die, einmal begonnen, sich verselbstständigen und ein System formen, das mit einer eigenen inneren Logik und einer konditionierenden Kraft ausgestattet ist. Der Mensch findet sich schliesslich an einem Punkt wieder, wo er nicht mehr nur mit seinen eigenen mentalen Schöpfungen, sondern auch mit einer durch sie veränderten Umwelt zu interagieren gezwungen ist. Und diese neue Voraussetzung prägt die folgenden Entscheidungen in einem sich selbst verstärkenden Teufelskreis. Der Prozess ist weder linear noch monozentrisch: er entsteht aus verschiedenen, autonomen Zentren mit ihren Ausstrahlungen, die konfliktuell interferieren können. Wenn auch historisch die vorwärtstreibende Bewegung des Kapitals sicher die dynamischste und dominierendste von allen Bewegungen war, so sind Religion und technisches System doch diesbezüglich älter. Die Geschichte verzeichnet Unterbrechungen, partielle Blockaden, Rückschritte wie nach dem Fall des Römischen Reiches, aber auch Widerstände und bewusste Versuche, nicht nur von unten, den technischen Fortschritt z. B. zu verzögern oder aufzuhalten (wie China, das den militärischen Einsatz des Schwarzpulvers blockierte), wodurch eine Wiederbelebung der Gemeinwesen und der Lebensprozesse möglich wurde. Dies verhindert rein lineare Darstellungen des Abstraktionsprozesses. Diesbezüglich handelt es sich vielmehr um Kraftfelder, um Wahrscheinlichkeitsdichten, nicht um klassische Mechanik. Eine genealogische Analyse kann langfristige Kontinuitäten aufzeigen, ohne deren Notwendigkeit kausal herleiten zu können; einen Ursprung zu identifizieren bedeutet nicht immer, einen Ausgang vorherzusehen. In der Medizin ist es üblich, retrospektiv frühe und entfernte Anzeichen einer Krankheit zu suchen und zu finden, etwa bei Krebs oder Alzheimer, nicht aus der deterministischen Annahme, dass sich alle Pathologien zwangsläufig entwickeln müssen, sondern weil Immunsystem, Lebensweise und therapeutisches Eingreifen sie verlangsamen, blockieren oder beseitigen können. Ebenso verhält es sich mit dem Abstraktionsprozess: Seine eigene Tendenz zu beschreiben, bedeutet nicht, seine Unvermeidlichkeit zu erklären. Bislang haben wir die allgemeine Bewegung des Prozesses ins Auge gefasst. Was die Komponenten der fortschreitenden Abstraktion und ihre starken, aber nicht immer klaren Wechselwirkungen betrifft, müssen wir zunächst einmal einem Konstrukt aus dem 19. Jahrhundert unser Misstrauen aussprechen: der Theorie der vorrangigen Bedeutung von „Volk“, „Kultur“, „Gattung“ und “Stileigenheit“. Das sind undialektische Begriffe, die mehr in die Irre führen als nützlich sind; und zugleich dürfen wir uns nicht von der Abstraktion gefangen nehmen lassen: Ihre Komponenten sind nicht nur abstrakt, sondern auch unterschiedliche abstrakte Realitäten. Das bekannte Beispiel der „Werkzeuge“ in der Werkzeugkiste eines Tischlers ist hier relevant: Da gibt es einen Hammer, eine Zange, eine Säge, einen Schraubenzieher, ein Meßband, einen Kleistertopf, den Leim, Nägel und Schrauben. ¶ Ein konkretes Beispiel dieser Wechselwirkung kann das komplexe Verhältnis zwischen Kapital und Technologie ein wenig erhellen: ¶ Das Kapital - wir vereinfachen und reduzieren - verfügt über das Geld, muss sich aber, um es zu verwerten, mit dem technischen Wissen verbünden, wie es etwa im Gesundheitswesen geschieht: Banker und Fonds finanzieren die medizinische und pharmazeutische Forschung; dabei versuchen die in dieser Forschung Tätigen den Geldfluss in Richtung ihrer eigenen, ganz persönlichen ambitiösen Projekte zu lenken. ¶ Dasselbe Bild zeigt sich auch in anderen Tätigkeitsbereichen von Wissenschaft und ihrer Anwendung. Jede Interessensgruppe versucht, die andere „auszustechen“, woraus sich insgesamt keine stabile Situation ergibt. Sie ist ein Netzwerk von Selektion und Rückkopplungen. ¶ In Phasen der allgemeinen Krise des Kapitals bietet ihm die Wissenschaft tendenziell neue Motivationshorizonte an: „leidenschaftliche“ Projekte, die den Glauben an den Fortschritt und an die Möglichkeit, das „Unmögliche“ zu erreichen, beflügeln: die Kolonisierung des Planeten Mars, die Schaffung künstlichen Lebens, der digital entwickelte Geist. ¶ Das Kapital liefert das Versprechen von Mehrwertschöpfung, die Technik das Versprechen funktionierender Projekte. Kombiniert halten sie den ganzen Prozess in Bewegung, selbst wenn der anfängliche Impuls zum Aufbruch zu neuen Horizonten bereits teilweise verflogen ist. ¶ Unterdessen werden die verschiedenen Agenturen des Fortschritts, bislang Betriebe mit einem gewissen Gemeinschaftscharakter, durch die Kommerzialisierung aller Verhältnisse immer korrupter, d. h. ineffizient und dysfunktional. Doch die Schwächung der eigenen Unterkomponenten stärkt am Ende das technische System als ganzes.
Index Anthologie Ludwig Wittgenstein, Jacques Camatte
3.1. Religion.
Die Religion im hier besprochenen Sinne ist Teil des Totalkomplexes. Sie manifestiert sich in zwei historischen in Eurasien, aber auch in den präkolumbischen Zivilisationen beobachtbaren Hauptmodalitäten. Es gibt eine konstitutive Religion; sie entsteht zum ersten Mal in Mesopotamien, Ägypten und später im republikanischen und kaiserlichen Rom. In dieser Form legitimiert die Religion die staatliche Macht. Sie geometrisiert den Kosmos, um die irdische hierarchische Ordnung widerzuspiegeln. Das göttliche Pantheon ist eine Erweiterung des königlichen Hofes; das Ritual ist ein politischer Akt der Aufrechterhaltung der Ordnung (ägyptisch Ma’at, Wille der mesopotamischen Götter). Religion in dieser konstitutiven Form ist abstraktiv, erhofft sich aber mit ihrer Abstraktheit monolithische Dauerhaftigkeit. Eine andere Form ist die Religion der Ergriffenheit. Dieses „Modell“ kommt mit Bewegungen auf, die einen starken anti-abstrakten Kern aufweisen, wie z. B. der Buddhismus, das frühe Christentum und der philosophische Taoismus. Sie entstanden als kritische Reaktion auf die Staatsreligionen: Brahmanismus, pharisäisches Judentum, Konfuzianismus. Ihr ursprünglicher Kern: die Betonung der unmittelbaren Erfahrung, die Kritik an Tauschwert und statischen Auffassungen, die Offenheit für das Einfache, stellte eine existenzielle Bedrohung des Status quo dar. Ihre spätere Institutionalisierung war ein Werk der Vereinnahmung, der Anpassung und der teilweisen Neutralisierung ihrer Substanz, die aber nie ganz ausgelöscht wurde. ¶ Ob als konstitutive Form a priori institutionell oder als nachträglich rekuperierte Religion der Ergriffenheit: In beiden Fällen gründet sich die institutionelle Religion auf das abstrakte Versprechen, eine verlorene oder bedrohte Ordnung wiederherzustellen oder zu garantieren. Konstitutiv für den Abstraktionsprozess selbst, ist Religion dennoch autonom und besitzt ein eigenes Projekt, das nicht immer mit der allgemeinen Bewegung der Abstraktion vereinbar ist. ¶ Innerhalb ein und derselben Religion können daher abstraktive Antriebe: Erlösungsvorstellungen, und anti-abstraktive Momente: unmittelbare Ergriffenheit durch das Einfache, in beständiger Spannung nebeneinander bestehen. Folglich äussern Religionen ein ambivalentes Verhältnis zum Abstraktionsprozess: zwischen dem Impuls, ihn zu treiben oder zu leiten, und dem Versuch, ihn einzudämmen, schwankend.
Index Anthologie Jacques Camatte
3.2. Staat.
Die erste Form von Staat beinhaltet eine gesellschaftliche Spaltung: es entsteht eine übergeordnete Machteinheit: ein herrschender Pharao, Lugal, König der Könige usw., die die ganze Gesellschaft repräsentiert. Dies geschieht in demselben Moment, in dem sich die Wertbewegung als Verwertungsprozess etabliert. Gleichzeitig vollziehen sich eine Anthropomorphose der Gottheiten und eine Apotheose der Herrschaft; es entsteht die erwähnte konstitutive Religion. ¶ Das ist der Staat-Religion-Komplex, der das administrative System begründet, indem er das „Menschenmaterial" versammelt und ihm eine organisatorische Disziplin, eine geballte Wirkkraft verleiht, die Werke bis anhin nie gesehener Dimensionen anzugehen erlaubt. Man hat das die die erste Megamaschine genannt. ¶ Je nach Natur der Religion, die Teil dieses ganzen abstrakten Komplexes (s. o.) ist, besteht ein mehr oder weniger ausgeprägtes Bewusstsein des zerstörerischen und existenzgefährdenden Potentials dieser unternommenen gigantischen Bauwerke. Im Fall der Religionen, die keine Erlösung kennen, versucht der Religion-Staat-Komplex die Dynamik der entfesselten Selbstverwertung des Tauschwertes zu lenken und zu bremsen, indem er sich als kat‘echon, als zurückhaltende Macht, positioniert. Wo Erlösungsreligion besteht, beschränkt die „Megamaschine“ die bremsende Rolle auf eine ausgewogenere Entwicklung. ¶ Beiläufig sei bemerkt, dass Prozessverzögerungen und Blockaden nicht mit Herablassung als bloss zeitweilig und nicht endgültig verurteilt werden sollten, das gilt z. B. auch für die therapeutische Praxis, denn es sind kostbare Chancen dafür, dass eine Verzögerung zum definitiven Abbruch des verheerenden Prozesses führen kann. Konservatives Handeln kann auf die Verteidigung einer sozialen Form abzielen, die von aggressiveren und totalisierenderen Formen der Abstraktion bedroht ist. ¶ Die nachfolgende zweite Form des Staates ist bestimmt durch die Fortsetzung der Wertbewegung, aber nicht nur dieser, auf höherer Stufe.
Index Anthologie Jacques Camatte
3.2.1. Stadt.
In der Stadt werden Staat und Tauschwert räumlich konkret als getrennte Zone, die das Lebendige auseinanderdividiert und organisiert, es vermisst, und in der der Raum in ein Raster verwandelt ist. Die ersten Städte entstehen gleichzeitig als Einrichtung des Schutzes, der Macht und der Akkumulation: mächtige Mauern, zentrale Getreidespeicher, Tempel, Kasernen. ¶ Die Stadt trägt von Anfang an das Versprechen der Unsterblichkeit in sich: Sie bleibt jenseits des organisch-endlichen, jenseits der Jahreszeiten, sie bietet eine zweite Natur, die stabiler ist als die Natur selbst. ¶ Sie definiert sich durch den Gegensatz zum Land: wenn nicht mit offener Verachtung für die Bauernschaft, so doch mit Formen der Distanzierung, die eine evolutionäre, kulturelle und moralische Überlegenheit markieren.
Index Anthologie
3.2.1.1. Tod der Stadt.
Die Stadt stirbt nicht durch einen plötzlichen Zusammenbruch, sondern durch die Auflösung ihrer kompakten Form: Sie sprengt ihre Grenzen, breitet sich aus ins Unermessliche, wird diffus. Das Zentrum verliert seine Bedeutung; das Urbane löst sich in digitalen Strömen auf (Smart Working, E-Commerce, verteilte Überwachung). ¶ Ihr Tod fällt mit der Erfüllung ihres Zwecks zusammen: Die Urbanisierung der Menschheit, ihre Trennung von allem Lebendigen. Was die Stadt versprochen hat: Sicherheit, Ordnung, Dauerhaftigkeit, verbreitet sich überall: Es gibt keine sichtbaren Mauern mehr, sondern nur noch unsichtbare Netzwerke; keine Plätze mehr, sondern Plattformen.
Index Anthologie
3.2.2. Tod des Staates.
Auch für den Staat gilt, was mehr ist als ein Tod: die fortschreitende funktionale Auflösung. In seiner extremen Entwicklung wird der Staat von Kapital und Technologie beherrscht und durch die Übertragung von Funktionen und Vorrechten an „autonome“ oder überstaatliche Organisationen zum leeren Gehäuse. Während Gesetze, Vorschriften und Kontrolle unbegrenzt wachsen, löst sich die reale politische Macht des Staates auf.
Index Anthologie
3.3. Privateigentum.
Die Idee des Privateigentums geht weit über den ausschließlichen Besitz hinaus, der auch in der Natur vorkommt, aber konkret, begrenzt und umstandbezogen ist. Sie - und bringt eine oft irreale Vorstellung von der völligen Trennung von Eigentum und Existenzzusammenhang mit sich (der Fall der Identifikation von Grundbesitz Grundbesitzer). Privateigentum verbindet sich ebenso mit der illusorischen Idee der Ewigkeit: eine übersetzte Form der Unsterblichkeit.
Index Anthologie Karl Marx, Costantinos Kavafis
3.3.1. Vom Eigentum zur Miete - Tod des Privateigentums.
Das Eigentum wird durch seine funktionale Entleerung überholt. Der Besitz wird zu einer vorübergehenden Verwaltung, zur bedingten Nutzung, zum kostenpflichtigen Zugang. Das Objekt gehört nicht mehr jemandem, sondern zirkuliert in einem geschlossenen System kontrollierter Verfügbarkeit.
Index Anthologie
3.4. Tauschwert.
Der abstrakt-allgemeine Tauschwert ermöglicht es, das Unvergleichbare zu vergleichen. Alles wird nach einem einzigen Parameter quantifiziert. Der Tauschwert löst Qualität, Kontext und Bedeutung auf und reduziert das Sein auf eine Zahl.
Index Anthologie Karl Marx, Carl Schmitt, Jacques Camatte
3.4.1. Gebrauchswert • Tauschwert.
Der Marxsche Begriff des Gebrauchswerts wurde bereits seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als keine natürliche Eigenschaft der zur Ware gewordenen Realität aufgezeigt, sondern als ein dem Tauschwert verwandtes Konstrukt: Beide sind komplementäre Formen derselben Äquivalenzlogik, beide bewirken eine Reduktion der Realität auf eine messbare Funktion und trennen sie von der lebendigen und qualitativen Beziehung.
Index Anthologie Guy Debord, Alfred Sohn-Rethel, Jean Baudrillard, Alasdair MacIntyre, Jacques Camatte, Robert Kurz
3.4.2. Ware.
Ware ist alles, was aus seinem natürlichen Kontext herausgelöst und abstrahiert und verkauft und gekauft werden kann. Boden, Gegenstände, Tiere, Menschen, Dienstleistungen, Arbeit, Ideen, Rechte, Patente, sowohl ganz als auch in Teilen, sowohl für unbegrenzte als auch für begrenzte Zeit. Alles kann verkauft und gekauft werden.
Index Anthologie Fredy Perlman, Alfred Sohn-Rethel, Jaime Semprun, Marco Iannucci
3.4.3. Entfremdung.
Durch die Entfremdung wird das Eigene fremd und oft feindlich. Die Produkte menschlicher Tätigkeit: Gegenstände, soziale Beziehungen, Formen, verselbstständigen sich, stellen sich als separate und dominierende Mächte dar. Was als Erweiterung unserer Fähigkeiten entstand, enteignet uns: Dinge übernehmen die Rolle von Subjekten, Menschen werden zu Dingen, Objekten. Diese Umkehrung erzeugt eine ihrem Schöpfer feindliche Figur und einen oft unbewussten Mechanismus, der den ursprünglichen Zweck umkehrt und die Menschen in einem Schicksal gefangen hält, das sie vermeiden wollten.
Index Anthologie Günther Anders, Giorgio Agamben, Jacques Camatte
3.4.4. Ware ausgeschlosse • Äquivalent.
Um alle Waren messen und vergleichen zu können, muss eine von ihnen aus dem normalen Handel herausgenommen und zum universellen Maßstab, zum allgemeinen Äquivalent erhoben werden. So wird Gold zu Geld, indem es aufhört, eine Ware unter vielen zu sein: Durch seinen Ausschluss wird es zum Vertreter aller möglichen Waren. ¶ Dieser Mechanismus des privilegierenden Ausschlusses findet sich nicht nur im Ökonomischen. Abstrakte Konzepte fungieren als allgemeine Äquivalente des Denkens: „der Mensch” der universellen Menschenrechte setzt den Ausschluss konkreter besonderer Menschen voraus: Frauen, Sklaven, Barbaren, Kolonisierte, um sich dann als ihr idealer Vertreter zu positionieren.
Index Anthologie Jacques Camatte
3.5. Geld.
Geld ist die Verkörperung von Wert. Es ist Maßstab, Tauschmittel, Reserve, Macht: die Macht, alles zu erwerben, was zur Ware geworden ist. Es ist mobil, neutral, unpersönlich und hat in seiner ursprünglichen Form die unendliche Haltbarkeit von Gold: eine Abstraktion, die konkret geworden ist und die man in der Tasche mit sich tragen kann.
Index Anthologie Karl Marx, Georg Simmel, Alfred Sohn-Rethel
3.5.1. Darlehen • Kredit • Verschuldung • Versicherung.
Der Kredit nimmt den zukünftigen (möglichen Mehr-)Wert vorweg; die Schuld belastet die Zukunft; die Versicherung monetarisiert die Angst vor dem Zufall. Zusammen erweitern sie die zeitliche Herrschaft des Tauschwertes und erzeugen die Illusion einer vollständigen Kontrolle über das Werden.
Index Anthologie Karl Marx, Jacques Camatte
3.5.2. Unsterblichkeit ( Geld gesucht).
Der Tauschwert verspricht Beständigkeit. Er bewahrt, sammelt, widersteht dem Ruin in der Zeit. In ihm widerspiegelt sich der Wunsch, nicht zu sterben. Harpagon träumt davon, so lange zu leben wie seine Schätze, die das Schatzhorten sucht in der des Goldes ihre eigene Unsterblichkeit.
Index Anthologie Karl Marx
3.6. Das Kapital.
Kapital ist ein sich selbst verwertender-vermehrender Wert. Kapital ist kein Gegenstand („Geldhaufen“), sondern eine soziale Beziehung in Bewegung. Seine Logik ist das unbegrenzte Wachstum.
Index Anthologie Jacques Camatte, Marco Iannucci
3.6.1. Krematik.
Das unbegrenzte Anhäufen von Reichtum um seiner selbst willen, ohne Verwendungszweck: Das definiert die chrematistische Logik. Das Ziel löst sich auf, nur das Wachstum zählt. Überfluss ist Tugend.
Index Anthologie Aristotélēs
3.6.2. Überschusswert.
Der Mehrwert ist jener Teil der Produktion, der den an die Arbeiter erstatteten Wert ihrer Arbeitskraft und die übrigen allgemeinen Produktionskosten übersteigt und vom Kapital angeeignet wird. Er ist das Motiv der Akkumulation. ¶ Er wird durch den kleinen Apostroph am Ende des Ausdrucks G-W-G' dargestellt. Klein, aber wie viele bemerkt haben, repräsentiert er die gesamte Erlösungsmystik: das Geld, reine Abstraktion, sich selbst in die Materie der Ware einsperrend und in dieser Form dem Höllenfeuer der Entwertung ausgesetzt, wird daraus erlöst, indem es als vermehrtes Geld in das geistige Pleroma (die eschatologische Fülle der Gnostiker) zurückkehrt.
Index Anthologie Jean Vioulac, Stephen Smith
3.6.3. Autonomisierung • Automatisches Subjekt.
Das Kapital wird autonom, zum automatischen Subjekt. Es ist eine sich selbst erhaltende Bewegung, wie ein Wirbel mit eigener Energie, Masse und Richtung. Präziser: Unter Kapital verstehen wir die Bewegung und Akkumulation finanzieller Macht, die durch die Zyklen G-W-G′ erzeugt wird; jedoch ist diese Bewegung, die aus sozialen Verhältnissen und daraus folgenden verinnerlichten Bildern besteht („ich fühle mich als Multimillionär stark und glücklich, denn alle sehen mich so“) ebenfalls bloss eine Einbildung (Idee). Sie entspringt dem Kopf von Menschen, vermag aber obsessiv zu werden und diese zu beherrschen. Das ist „Anthropomorphose des Kapitals“ genannt worden. Die Phänomenologie beschreibt diese besondere Fähigkeit des Menschen: von den eigenen Ideen erfasst zu werden. Daher kann man das Kapital als Subjekt definieren, als einen Wirbel mit seiner eigenen Bewegungslogik, wobei in dieses „Subjekt" (das Kapital) der reale Wille und die Intelligenz der Menschen einfliesst. ¶ Dieses Phänomen der Obsession gilt nicht nur für das Kapital, sondern auch für andere Momente des Gesamtabstraktionsprozesses. Der in der Theorie des Kapitals klassische Gebrauch anthropomorpher Begriffe bezüglich des Kapitals ist also keine Metaphysik, sondern Notwendigkeit, um den Charakter aller menschlichen Tätigkeitsbereiche zu beschreiben, die an der verselbständigten Abstraktionsdynamik teilhaben. Die „Träume" des Kapitals wurden und werden tatsächlich von Menschen geträumt: Träume von unbegrenzter Macht und absoluter Sicherheit, von Unsterblichkeit etc. Die Literatur bewahrt ihre Spuren.
Index Anthologie Joseph de Maistre, Karl Marx, Ludwig Klages, André Leroi-Gourhan, Jacques Camatte, Jean Vioulac
3.6.4. Die Ware Kapital.
Unter der Vorherrschaft des Kapitals ändert die Ware ihren Status: Sie muss nicht mehr von Dauer sein, sondern zirkulieren. Langlebigkeit, die einst „Traum“ des Wertes war (monumentum aere perennius) - auch wenn sie in Nischen und residualen Hortpraktiken noch gepflegt wird - wird zu einem Hindernis für das prozessierende Kapital und deshalb auf unterschiedliche Weise behindert. Jeder Gegenstand ist dazu entworfen, überholt zu werden, indem seine Obsoleszenz erzwungen wird, um den Kreislauf des Kapitals fortwährend neu zu aktivieren.
Index Anthologie Giorgio Cesarano & Gianni Collu, Jacques Camatte
3.6.5. Unsterblichkeit (gesucht im Kapital).
Die Unsterblichkeit, die einst, in der Epoche der Vorherrschaft des Wertgedankens, in der Langlebigkeit des Goldes gesucht wurde, verlagert sich auf die Fortwähr der Zirkulation des Kapitals.
Index Anthologie Karl Marx, Jacques Camatte
3.6.6. Tod des Kapitals.
Während das Kapital den Staat auflöst und den monetären Wert obsolet macht, aushöhlt - er setzt wie gesehen Persistenz voraus und ist daher der Zirkulation feindlich - stirbt es in dem Masse langsam ab, wie es sich immer weniger verwerten kann. Das Kapital ist jedoch nur ein Moment des Abstraktionsprozesses; dieser und sein modus operandi setzen sich fort, geleitet durch die dynamische Interaktion zwischen Kapital und Technologie, der auch konfliktuell ist, weshalb beide sich selbst und gegenseitig verändern. Diese Wandlung vollzieht sich in einem komplizierten Kreistanz, der einem kunstvollen Paso doble ähnelt, bei dem jedoch keiner weiß, wer führt. Die Technologie formt mit ihrer Logik von Organisation, Automatisierung und Substitution zunehmend den Gang der Abstraktion und dehnt ihre Reichweite bis auf die einzelnen Zellen des menschlichen Wesens aus, während das Kapital seine Expansion vorantreiben will, indem es jeden Austausch, jede Beziehung, jede natürliche und menschliche Kooperation der Verwertung unterwirft: vom Stillen des Neugeborenen über die Zubereitung einer Familienmahlzeit, vom Spiel bis zur Intimität einer Begegnung; von einer Wanderung mit Freunden bis zur Eltern-Kind-Beziehung selbst; gemäss der G-W-G'-Logik muss alles zur wertschöpfenden Tätigkeit werden. ¶ Was hier vorliegt, ist keine abschliessende Theorie, sondern die blosse Feststellung von Fährten und Anzeichen, die für den genau hinschauenden Beobachter ersichtlich sind. Ihre Deutung lässt den Schluss zu, dass alles auf das Aussterben der menschlichen Gattung hinausläuft; Folge dessen, was diese selbst in Gang gesetzt hat. Es sei denn, es erfolge eine unwahrscheinliche Reaktion derselben. Das ist unwahrscheinlich, denn es sind für eine solche Reaktion keine Zeichen sichtbar, außer schwachen. Sie ist aber auch nicht unmöglich: Was die Entstehung und die Fortdauer von biologischen Arten bestimmt, ist letztlich unbekannt. Manchmal werden Reaktionen durch extreme Situationen erzeugt, wenn etwa wahrgenommen wird, dass die wirkliche Gefahr des Aussterbens besteht, wie das beim Übergang zum Neolithikum geschehen sein mag, als die Menschheit, möglicherweise angesichts einer tiefgreifenden Umweltkrise, eine Transformation ihrer Lebensweisen vollzog - und dabei den Abstraktionsprozess dramatisch beschleunigte.
Index Anthologie Jean Baudrillard, Jacques Camatte
3.7. Das technische System (Organisation, Technik, Wissenschaft, Medizin), d. h. die Produktivkräfte.
Richten wir unser Augenmerk auf eine weitere Hauptkomponente des Abstraktionsprozesses: die Organisation. Diese neutralisiert die Subjektivität durch prozedurale Mechanismen, Verwaltung und Maschinen, die den Menschen und seine organische Kooperation ersetzen. Maschinen, Apparate und Organisationen sind zu technischer Macht reduzierte Wissenschaft, sind in operationelle Raster verwandelte Zeit. ¶ Vor fünftausend Jahren schuf die in Ingenieuren, Architekten, Mathematikern und Steinmetzen Mensch gewordene Technologie der asiatischen Produktionsweise die Megamaschine zwecks Anlage kolossaler Mausoleen; 4000 Jahre später waren das dann Kathedralen. ¶ Die Technik, technische Tätigkeit findet sich schon bei anderen Tieren. Worum es hier geht, ist ihre Subsumtion unter eine autonomisierte Entität, die wir Technologie nennen. Technologie weist eigene ideale innere Logik auf. Auch hier erkennen wir die Figur der Rückwirkung: technische Praxis ruft nach mehr und besserer Technik. Auch bezüglich der Technologie erzählt die Geschichte, und es gibt dafür Anzeichen sogar in heutigen Nischen, von Versuchen, sie in ihre natürlichen Bereiche zurückzuführen – was immer die Frage der nicht zu überschreitenden Schwelle aufwirft.
Index Anthologie Simone Weil, Jacques Camatte
3.7.1. Organisation • Bürokratie.
Die Organisation schafft Strukturen, die Subjektivität, also spontane Originalität, neutralisieren und die Arbeitsabläufe standardisieren. Jede Tätigkeit wird in abstrakte Verfahren eingeordnet, die durch unpersönliche Kriterien geregelt sind. Mit der Bürokratie wird die Organisationsform gesellschaftlich dominant. Die Organisation strebt – noch vor dem Kapital - nach unbegrenztem Wachstum.
Index Anthologie Amadeo Bordiga, Lewis Mumford, Jacques Camatte & Gianni Collu
3.7.2. Megamaschinerie.
Die Megamaschine ist die integrierte Gesamtheit von Menschen und Instrumenten in einem einheitlichen funktionalen System. Sie ist keine Summe von Maschinen, sondern eine Totalität, die Menschen, Regeln, Ströme und Ziele umfasst. ¶ Sie entstand vielleicht aus der Organisation großer religiöser Riten und wurde vom Staat in seiner ersten Form geschaffen, indem sie das "Menschenmaterial" versammelte und ihm eine organisatorische Disziplin verlieh, die es ermöglichte, in einem nie zuvor gewagten Ausmaß zu operieren: Der Taylorismus entsteht nicht mit dem Kapital. Dieser Erfindung ist es zu verdanken, dass vor fünftausend Jahren Kriegsmaschinen wie die Phalanx und Ingenieurbauwerke verwirklicht wurden, die in Bezug auf Techniken der Massenproduktion, Standardisierung und minutiöse Planung mit denen von heute rivalisieren. ¶ Im mittelalterlichen Zeitalter stellt das Benediktinerkloster eine besondere Form ihrer Wiedergeburt dar.
Index Anthologie Lewis Mumford, Jaime Semprun
3.7.3. Abstrakte Zeit.
Die gelebte Zeit wird durch eine messbare, homogene, kumulative Zeitlichkeit ersetzt. Die abstrakte Zeit ist keine Erfahrung, sondern ein operatives Raster. Jedes Ereignis muss sich in diese einheitliche und qualitätslose Struktur einfügen.
Index Anthologie Karl Marx, Guy Debord, Jacques Camatte & Gianni Collu, Jacques Camatte
3.7.4. Die Maschinen.
Die Maschine zerlegt, wiederholt, automatisiert, macht die Initiative des tätigen Subjekts überflüssig. Sie ersetzt menschliche Tätigkeiten durch rationalisierte Vorgänge. Die Automatisierung ist die vollendete Form der technischen Abstraktion, in der der Mensch zum Terminal eines Geräts wird, das ihn übertrifft und überragt und das Prinzip der Nützlichkeit der Technik in das Prinzip der Nützlichkeit für die Technik umkehrt.
Index Anthologie Karl Marx, Jean Baudrillard
3.7.5. Abstrakte Wissenschaft.
Die moderne Wissenschaft beschreibt nicht mehr eine bewohnbare Realität, sondern konstruiert formalisierte Funktionsmodelle und schafft so eine zunehmend unverständliche Welt. Sie trennt sich von der lebendigen Arbeit und wird zum Eigentum des Kapitals: Die intellektuellen Funktionen der Produktion konzentrieren sich gegen die Arbeiter und verwandeln sich in eine von der Arbeit selbst unabhängige Produktionskraft. ¶ Das wissenschaftliche Objekt wird auf Mengen, Gesetze und Algorithmen reduziert. Die Welt wird zu einem Labor und zu einer Mine, die es auszubeuten gilt: Die Forschung sucht nicht mehr nach dem Wesen der Dinge, sondern nach ihrer geheimen Verwendbarkeit. Wissen wird zu technischer Macht und teilt mit der Marktwirtschaft dieselbe quantitative Logik. Und die Umwandlung der gesamten Realität in eine Reihe von parametrisierten und kontrollierten Verfahren zerstört letztendlich die Wissenschaft selbst und macht sie zu einem bloßen proaktiven und gedankenlosen Eingriff.
Index Anthologie Karl Marx, Günther Anders, Alfred Sohn-Rethel
3.7.6. Prothetik und Therapeutik.
Prothesen, in der Natur als operative Hilfen verbreitet, neigen heute dazu, jede menschliche Fähigkeit zu ersetzen. Was einst direkt durch Körper und Geist geleistet wurde, wird durch Werkzeuge und Vermittlungen ersetzt. ¶ Der heutige Höhepunkt ist die Auslagerung kognitiver Funktionen in künstliche Geräte statistischer Optimierung, denen Vorhersagemacht zugeschrieben wird (KI). So verselbständigen sich die natürliche Disposition und Tätigkeit der Therapeutik zu einem System mit eigener Logik, gerechtfertigt durch verfälschte Metriken und durch jene alte Neigung, lieber das Nichts zu wollen als nicht zu wollen, eine Logik. die die Kosten-Nutzen-Kalkulation immer stärker im Sinne des Systems und nicht des Menschen lenkt.
Index Anthologie Marcus Valerius Martialis, Karl Marx, Günther Anders, Stefano Isola
3.7.7. Unsterblichkeit (im technischen System gesucht).
Die Maschine nur als fixes Kapital zu sehen, ist so, als würde man den Krug als reines Gefäß betrachten: Es geht etwas verloren, vielleicht viel. Die Maschine ist in der Tat etwas, das dem Kapital zur Verfügung steht, um Mehrwert zu extrahieren; aber sie ist Teil der Technologie einer Gesellschaft. In ihrer Konstruktion, in der ihr innewohnenden Logik von Effizienz, Wiederholbarkeit und Automatisierung, liegt eine Instanz, die sich nicht auf die kapitalistische Verwertung reduzieren lässt. Indem sie dazu dient, andere Maschinen zu produzieren, nährt sie einen Prozess der Selbstermächtigung des technischen Systems selbst, der den Traum vom sich selbst reproduzierenden Automaten ermöglicht und näher bringt - eine Figur der irdischen Unsterblichkeit, die durch Substitution erreichbar ist: die Logik des Wahnsinns.
Index Anthologie
4. Modus operandi des Prozesses.
Beim Abstraktionsprozess, der sich durch das verwobene Zusammenwirken seiner grundlegenden Komponenten entfaltet - von denen jede einen eigenen Grad an Autonomisierung aufweist - ist es nützlich, drei zentrale Wirkungsweisen herauszustellen, die retrospektiv identifiziert werden können: den idealen Antrieb der erlösenden Maschine, den Mechanismus der Kombinatorik und die Subsumtion, die das Ganze vorantreibt.
Index Anthologie
4.1. Erlösungstrieb.
Der Boden, auf dem sich der Prozess der Abstraktion entfaltet entwickelt, wird durch die Kritik am gegenwärtigen Zustand der Dinge vorbereitet. Diese Kritik, die auf abstrakten Ideen erlösenden Ursprungs beruht, die auch eine Ethik der Erlösung beinhalten, wurde und wird von ihren militanten Agenten geschichtlich bzw. aktuell in die Tat umgesetzt. Es ist der Mechanismus dieser heilsversessenen Kritik, der es ermöglicht hat, den Imperialismus als „Zivilisation“ und die Zerstörung gemeinschaftlicher Praktiken als „Fortschritt“ darzustellen. Das Phänomen wirkt sowohl in langen Kontinuitätsphasen als auch in Krisenzeiten (Kriege, Revolutionen, Epidemien, Hungersnöte). ¶ Zur historischen Kritik der Gegenwart gesellte sich bisweilen die reine Faszination für die Erlösung, die sogar von der messianischen Figur befreit ist. In diesem Falle wird der Prozess selbst zum angestrebten jenseitigen Heil. Siehe den Akzelerationismus; er schlägt vor, den technologischen Fortschritt bewusst zu intensivieren: Automatisierung, unbegrenzte technische Subsumtion, Auflösung lebendiger Formen. Es ist der Mechanismus im Extrem: Er begnügt sich nicht mehr damit, Zerstörung als Fortschritt zu rechtfertigen, sondern verfolgt sie aktiv als Mittel zum Heil.
Index Anthologie
4.2. Kombinatorik.
Ein Begriff aus der Mathematik. In diesem Fall ist die Kombinatorik der Mechanismus, durch den jeder Aspekt des Lebens – Praktiken, Kenntnisse, Gesten, Emotionen, Beziehungen - in minimale standardisierte Einheiten zerlegt und für eine unendliche Neuordnung nach der kombinatorischen Berechnung verfügbar gemacht wird. Jedes Element verliert seine Verwurzelung, seine eigentliche Bedeutung, seinen ursprünglichen Platz: Es wird zu einem beweglichen, anpassungsfähigen, austauschbaren Modul. ¶ Im Laufe einer jahrhundertelangen Bewegung wird alles nach und nach zerlegt und neu kombiniert. Das Ziel ist die operative Kompatibilität: Was zählt, ist, dass alles zusammensetzbar, flexibel und bereit für die Interaktion ist. Die Kombinatorik ist die im Alltag wirkende Abstraktion. ¶ Die Realität erscheint dann als ein technisches Repertoire austauschbarer Möglichkeiten: Sexualität, Sprache, Pflege, Lernen, Vorstellen. Alles kann kombiniert werden. ¶ Diese Logik betrifft auch die Alltagssprache: Auf sprachlicher Ebene fungieren die Plastikwörter wie Legosteine, um die Alltagssprache in ein bedeutungsloses, aber von Maschinen verwaltbares Kombinationsspiel zu verwandeln.
Index Anthologie Jean Baudrillard, Jacques Camatte
4.3. Subsumtion.
Jede Komponente des Abstraktionsprozesses und ihre Unterkomponenten - auch die nicht erwähnten - subsumiert in ihrem Bereich: Sie integriert etwas, das unmittelbar und dem Menschen oder der gegebenen Natur eigen war, in ersetzbarer, fungibler Form. ¶ Das Kapital subsumiert die Gemeinwesen, indem es direkte persönliche Beziehungen in monetäre Vermittlungen transformiert: von der gemeinschaftlichen Selbstversorgung weg zum Supermarkt, vom Stillen zur Säuglingsnahrung, von der Freundschaft zum Networking. ¶ Das technische System subsumiert die Tätigkeit selbst, ersetzt menschliche und natürliche Prozesse durch Vorrichtungen: von der Töpferscheibe zur CNC-Maschine, von der Orientierung zum GPS, von der Geburt zur assistierten Reproduktion, vom Atem zu Beatmungsgeräten. ¶ Die Religion subsumiert das kanonische Heilige, übersetzt den Kontakt mit dem Unerkennbaren, der zuvor an die direkte Beziehung zum Weisen, Seher oder Schamanen gebunden war, in kodifizierte Lehren und Rituale. ¶ Der Staat subsumiert den gemeinschaftlichen Entscheidungsprozess von Subjekten unter das von ihm befugte institutionelle Entscheidungsgremium, also unter eine Struktur, die stabil und reproduzierbar ist und nach kodifizierten, festgelegten Regeln und unpersönlichen Rollen fungiert.
Index Anthologie
4.3.1 Immer stärkere Subsumtion der Arbeit.
Das Kapital eignet sich zunächst vorbestehende Arbeitsverhältnisse an: den Handwerker, der in der Manufaktur Lohnarbeiter wird, dabei aber seine Arbeitsweise und damit die Kontrolle über die Ausführung beibehält, die formell unverändert bleiben, jedoch der kapitalistischen Logik unterworfen werden. Das stellt eine wirksame, aber partielle Herrschaft dar. ¶ Das Kapital wächst, indem es sich auf ständig erweiterter Stufe reproduziert; es subsumiert gemeinschaftliche und menschliche Beziehungen, indem es sie in monetäre Vermittlungen verwandelt, kann jedoch weder die Tätigkeit selbst noch die natürlichen Prozesse subsumieren: etwas, was nur Technologie zu Wege bringt. ¶ In der Folge wird die Arbeit technisch nach Kriterien von Produktivität und Ökonomie reorganisiert; die Kombinatorik der Funktionen vertieft sich, das Können wird vom Arbeiter getrennt und als eigenständige Kraft in die Hände des Kapitals gelegt. ¶ Der Arbeiter wird partiell; sein Wissen, allmählich transformiert und in das technische System aufgenommen, wird äußerlich und tritt ihm als herrschende Macht entgegen. ¶ Der Prozess ist fortlaufend: jede Funktion, von der menschlichen bis zur biologischen, wird nach Maßgabe der kapitalistischen Logik schrittweise in das technische System hineingezogen. Der Traum des Kapitals ist unbegrenzte Ausdehnung, und indem es finanziert und korrumpiert, verfolgt es seine Realisierung, indem es alles fördert, was seine Verwertung ermöglicht oder verspricht; in diesem Prozess nährt es das technische System, das ihm geschichtlich vorausging und dessen Traum die unbegrenzte Ersetzung allen Gegebenen ist, sei es menschlich oder natürlich.
Index Anthologie Karl Marx
4.3.2. Ausweitung der Subsumtion auf die Freizeit, die Gesellschaft, den Körper.
Die Herrschaft des Kapitals vertieft sich, wenn die Logik der Verwertung über die Arbeitszeit hinaus die gesamte Existenz kolonisiert: Freizeit, gesellschaftliches Leben, Kommunikation, Sprache und menschlicher Leib. Die Zeit wird umstrukturiert: Freizeit wird Konsumzeit, und der Konsum selbst gewinnt produktive Funktion. Digitale Technologien, Automatisierung und verbreitete Kontrolle beschleunigen den Prozess: geistige und affektive Fähigkeiten, Aufmerksamkeit, Rede und Beziehung werden in das technische System einverleibt und operationell. Es ist nicht mehr nur die manuelle Arbeit, die verfügbar wird, sondern die expressive und sensitive Macht des Individuums. Der Körper, geformt durch Effizienzdenken und normierte Gesundheit, wird seinerseits aufgewertet. So löst sich die Unterscheidung zwischen Produktion und Leben auf: Die gesamte Gesellschaft wird Terrain der Verwertung, die proletarische Bedingung verallgemeinert sich auf die gesamte Bevölkerung, und die Technik beginnt, das gesamte Leben zu unterwerfen.
Index Anthologie Jacques Camatte & Gianni Collu, Jacques Camatte, Giorgio Cesarano & Gianni Collu, Jean Baudrillard
5. Ergebnisse und Ziele des Prozesses.
Das Ergebnis, dem der Prozess zustrebt, heisst: fortschreitende Ersetzung der menschlichen Gemeinschaft, jeder Beziehung und Tätigkeit, bis hinab zu biologischen Prozessen (aktuelle Beispiele: Gentechnik, Prothesen, Automatisierung körperlicher und reproduktiver Funktionen), des Menschen selbst und der Natur. Dies geschieht mittels Produkten, die nicht der prometheischen Scham unterliegen, die den Menschen dazu bringt, seine eigenen Schöpfungen (Konstrukte aller Art) höher einzuschätzen als seine biologischen „unterlegenen“ Kräfte und körperliche Unvollkommenheit. Das ist kein bewusstes Projekt, sondern die immanente Logik einer Bewegung, die, wenn nicht aufgehalten, fortschreitet zur Selbstzerstörung der Spezies, die sie erzeugt hat.
Index Anthologie Ludwig Klages, Jean Baudrillard
5.1. Gemeinwesen.
Das Gemeinwesen ist der Nährboden des Menschen: ein Netzwerk lebendiger Beziehungen, das die Menschen untereinander, mit der Erde, den Tieren, den natürlichen Kreisläufen, der Ernährung, der Pflege, der Sprache und den Rhythmen des Lebens verbindet. Es handelt sich dabei nicht um ein Ideal, das wiederhergestellt werden muss, sondern um eine elementare Realität, die das menschliche Leben seit Zehntausenden von Jahren ermöglicht. ¶ Historische und anthropologische Zeugnisse belegen ihre konkrete, niemals utopische Vielfalt. Die Abstraktion löscht nach und nach die Möglichkeit des „Miteinanders” aus: Der Verlust der Gemeinschaft ist auch ein Verlust der gemeinsamen Präsenz, der Gewissheit der eigenen Positionierung. So verschwindet die Realität des irdischen Glücks, das für Epikur auf Freundschaft basiert, auf einer elementaren, dauerhaften und wechselseitigen Form der Beziehung. Sie schwindet, ist aber nicht verschwunden: Das Gemeinwesen ist das In-Gemeinschaft-Sein des Menschen, eine Dimension, die zu seiner Natur gehört; eine erfahrungsmäßige, körperliche, taktile, mentale, empathische Dimension. Je mehr sie verloren geht, desto mehr wächst der Wahnsinn. Gänzlich verloren droht die Auslöschung.
Index Anthologie Karl Marx, Jacques Camatte
5.1.2. Die große organische und kosmische Gemeinschaft.
Die Gemeinde umfasst die Natur, die Menschheit, die lebendige Realität und den Kosmos. Mittlerweile wird immer deutlicher, dass der Mensch selbst ein symbiotisches Aggregat ist, nicht nur der Mikrobiota, sondern bis ins Innerste seiner eukaryotischen Zellen. Es ist unmöglich, in dieser lebendigen Kontinuität genaue Grenzen zu ziehen: Wo endet das Individuum und wo beginnt die Umwelt? Die Idee des autonomen Individuums widerspricht unserer symbiotischen Beschaffenheit. Sie kennt keine Trennung zwischen Subjekt und Umwelt, zwischen Mensch und Nicht-Mensch.
Index Anthologie Pëtr Kropotkin, Marco Iannucci
5.2. Unterdrückung und Verdrängung der Gemeinschaft • Materielle Gemeinschaft.
Das Gemeinwesen wird zergliedert und ersetzt. Das Kapital wird zur materiellen Gemeinschaft: jeder Aspekt des Lebensunterhalts wird nur durch Geld zugängliche Ware. Brot, Milch, Kleidung, Pflege, ja selbst Wasser — alles verlangt die Geldvermittlung.
Index Anthologie Karl Marx, Jacques Camatte & Gianni Collu, Jacques Camatte, Marco Iannucci
5.3. Löschung und Ersetzung des Menschen.
Der Mensch wird immer mehr überflüssig. Die Subjektivität wird zu einem operativen Knotenpunkt, der Körper zu einer Schnittstelle, die Identität zu einem Profil. Der Mensch wird zu einem funktionalen Überbleibsel, zu einem „veralteten Gerät zur Kapitalvermehrung”, das dazu bestimmt ist, ausgemustert zu werden. Es folgen die erklärte Obsoleszenz, in der Millionen von Leben „nicht mehr notwendig” sind und der geplante Ersatz durch Automatisierung, künstliche Intelligenz und Gentechnik. ¶ Es ist eine technische Deaktivierung der Menschen, die als Verbesserung dargestellt wird (wie es bei der fortschreitenden Ersetzung lebenswichtiger Funktionen durch automatisierte Instrumente der Fall ist).
Index Anthologie Gustav Janouch, Armand Robin, Amadeo Bordiga, Roberto Pecchioli
5.4. Auslöschung und Ersetzung der Natur
Die Natur wird zur Ressource degradiert, die Umwelt zum technischen Objekt. Sie hat keinen Sinn mehr in sich selbst, sondern nur noch eine instrumentelle Funktion: die lebendige Realität wird durch künstliche Umgebungen ersetzt und mineralisiert: zu inertem Material reduziert, asphaltiert, betoniert, in einen Tagebau verwandelt.
Index Anthologie Ludwig Klages
Post Scriptum.
Vergessen wir nicht, dass alle Zeit gesegnet ist, auch unsere, die uns zum Leben gegeben wurde. Ivan Illich (mündliche Überlieferung)
Der Tod ist nichts für uns, denn wenn wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr da. Epikur (Brief an Meneceus)
So siegt der Tod niemals: Der Tod ist keine Tatsache des Lebens. Und solange es Atem gibt, gibt es Gegenwart und Freude. Wie in jedem Lebensprozess, selbst in einem von Krankheit beeinträchtigten, bewahrt der Organismus grundlegende Lebensfunktionen. Der Tumor erzeugt kein tumoriges Herz; er nutzt das gesunde aus. Er erschafft kein eigenes Kreislaufsystem, er schmarotzt vom bestehenden: Er kann es zerstören, aber nicht ersetzen. Bis zuletzt bleibt das Leben, wie erschöpft auch immer, Leben. So ist es auch mit dem Gemeinwesen, dem In-Gemeinschaft-Sein, das dem Menschen wesenseigen ist: Dessen - mögliche - vollständige Ersetzung würde das Aussterben der Art bedeuten. ¶ Jacques Camatte nannte sein Haus und das Land, das er pflegte, wo er Familie und Freunde empfing, «Le domaine de la certitude». Auch die Gewissheit, die Hinwendung zur Ewigkeit, stirbt nicht. Es ist das Gefühl, sie verloren zu haben, das uns desorientiert. ¶ Eine mit Krebs im vierten Stadium vereinbare Diagnose - selbst im Wissen um die zwar schwache, aber reale Möglichkeit einer Umkehrung - verpflichtet den Diagnostiker, falls er sie mitteilen muss, das wahrscheinliche Ergebnis in das gewisse Ende jeder Lebensform, der eigenen und der kollektiven, einzuordnen. Und den Weg der Annahme als eine reale und gegenwärtige Möglichkeit bewusster und aktiver Gelassenheit aufzuzeigen. Die Annahme ist zugleich Verlust jeder erlösenden Illusion und damit der Falle, die uns umgarnt und Gewinn: die Wiederherstellung des Zugangs zur Natürlichkeit, zur greifbaren und körperlichen Präsenz; und sie ist an sich bereits Andeutung, Anfang und Stütze der erhofften - unwahrscheinlichen, denn es sind nur schwache Anzeichen wie das kognitive Schisma und der unerwartete Widerstand während der Pandemie sichtbar, aber nicht unmöglichen - Reaktion der Gattung.
Index Anthologie Ludwig Wittgenstein, Jacques Camatte
So wird der Sinn, je mehr er sich selber sucht,
Aus dunkler Haft die Seele geführt zur Welt.
Vollbringe, was du mußt; es ist schon
Immer vollbracht, und du tust nur Antwort.
Konrad Weiss
Ende
Erste Auflage
Firenze 30. November 2025
Index
Autokommentar
Nach der Entscheidung, frühere Ergebnisse in Form einer expliziten Theorie der Abstraktion zu systematisieren, ergab sich notwendigerweise ihre vierfache Erweiterung: ¶ um die Verallgemeinerung des Konzepts der realen Abstraktion; ¶ die theoretische Anerkennung des technischen Systems als autonome Komponente, gleichberechtigt mit dem Kapital, innerhalb eines umfassenderen Prozesses; ¶ die Identifizierung der Idee der irdischen Erlösung als eine der Haupttriebkräfte und die Definition der „augustinischen Religionen“. ¶ Alles Übrige war bereits zum größten Teil in den Werken der im Vorwort genannten Autoren, insbesondere von Jacques Camatte, zu finden. ¶ Ihm entstammt das Konzept der Krankheit der Spezies („Speziose“) und ihrer individuellen Ausprägung („Ontose“); ihm entstammt die starke Wiederaufnahme des demartinianischen Konzepts der „Präsenz“ - eine fruchtbare Neuinterpretation des heideggerschen Daseins -, die er mit dem daraus resultierenden „Positionieren“ präzisiert; ihm entstammen schließlich viele der Schlussfolgerungen des Nachworts, angefangen bei der Formel „Gegen alles Warten“.
1) Eine explizite Theorie.
Die MTAP sah es als ihre Aufgabe (Vollbringe, was du mußt; es ist schon / Immer vollbracht, und du tust nur Antwort), aus einer jahrhundertealten Fülle eindringlicher Reflexionen über das menschliche Werden eine Reihe von Evidenzen und theoretischen Vorschlägen auszuwählen und zu einem kohärenten Rahmen zusammenzufügen. Die Durchführung erforderte die Abschwächung starker erster Annahmen, um ihren allgemeinsten und kohärentesten Kern zu isolieren: Es sollte nicht das Denken genannter Autoren, sondern es sollten die Denkergebnisse in den Vordergrund gerückt werden, radikal inkonsistente Konstrukte. Das ist eine rechte Erkenntnisherausforderung, denn das Denken ist unfassbar, ein Feuer, kein Kristall: es flackert, wandelt sich, widerspricht sich selbst. Der Rahmen des Denkens dieser Autoren ist geprägt durch das visionäre Verständnis von Wissenschaft, Medizin und Ingenieurwesen des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese operieren „selbstverständlich“ in einem ihnen größtenteils undurchsichtigen Wirklichkeitsfeld. Sie treffen Entscheidungen auf der Grundlage von Teilbeweisen, fehlenden oder ungefähren Daten, probabilistischem Wissen und ihren Methoden und konstruieren dabei Modelle, die selten im klassischen Sinne logisch nachvollziehbar sind. ¶ Die explizite und assertive theoretische Form — also Kritik und Verbesserungen gut ausgesetzt — ist, ja, auch eine Einladung an jene, die über diese Themen nachdenken, es ebenso zu tun.
2) Reale Abstraktion.
Die Realabstraktion Geld wird nach Sohn-Rethel formal auf andere Bereiche übertragen: alphabetische Schrift, fürstliche Prachtstraßen (Mumford), Staat, Medien (McLuhan), Smartphones etc. Realabstrakt formalisierte Produkte menschlichen Handelns „formatieren“ rückwirkend die handelnden Subjekte selbst.
3) Das technische System.
Die Betonung der Autonomie der Technologie gestattet die Integration von Ideen und Forschungsrichtungen, die tatsächlich zu lange eher umgangen als missverstanden worden sind: von den Intuitionen von Tocqueville und Donoso Cortés bis zu den reifen Ergebnissen von Mumford, Heidegger, Ellul und – bezüglich Bürokratie und Management - von Bruno Rizzi. Die TMPA versucht nun, diese Beiträge mit der marxschen Idee der Subsumtion in Einklang zu bringen, wobei sie jedoch deren thematischen Inhalt neu definiert. ¶ Bei Marx, der vielleicht nicht ganz frei von unbewussten religiösen Schemata reflektiert: das Kapital als die Gottheit, das Proletariat als der Messias, ist das Kapital das einzige subsumierende Subjekt und subsumiert alles. ¶ MTAP schlägt nun weitere subsumierende Subjekte vor; tatsächlich subsumiert jede Komponente des Abstraktionsprozesses Fähigkeiten und Tätigkeiten, die ihrer spezifischen Logik entsprechen. ¶ Was den entscheidenden Unterschied zwischen Technik und Technologie betrifft, scheint uns der Text bereits genügend Auskunft zu geben. Bezüglich der historischen Versuchen, die Technik auf ihre natürliches Mass zurückzuführen, sei zum erwähnten chinesischen Fall hinaus hier noch auf die von Plinius reportierte Anekdote zu Tiberius hingewiesen: Er soll angewiesen haben, die Werkstatt des Erfinders des unzerbrechlichen Glases zu zerstören, des weiteren auf die zeitgenössische Praxis der Amischen, gemeinschaftlich technische Werkzeuge zu bewerten.
4) Irdische Erlösung.
Voegelin hatte die Moderne als eine Wiedergeburt der alten Gnosis verstanden: der moderne Mensch, der die Welt neu erschaffen, Immanenz in Heil verwandeln, das Paradies auf Erden errichten will – und dabei die totalitäre Hölle erschafft. In seinem Schema stellt sich das Christentum der Gnosis entgegen. Diese Lesart berücksichtigt einerseits nicht die kontemplativen, weltflüchtigen und anti-abstraktiven Tendenzen, die in der Gnosis auch vorhanden sind (siehe dazu Simone Weil, aber nicht nur), und ignoriert andererseits den bereits im paulinisch-johanneischen Christentum und besonders bei Augustinus deutlich sichtbaren gnostisch-redemptiven Kern. ¶ MTAP erzielt, indem es jene treibende Heilsidee von der gnostisch transzendenten zur irdisch-immanenten Erlösung umdefiniert Ergebnisse mit grösserer Erklärungskraft, die den Phänomenen besser entsprechen.
5) Die augustinischen Religionen.
Die MTAP identifiziert als augustinische Religionen jene Ausprägungen des Christentums - den Katholizismus in seiner dominanten Praxis (wenngleich mit anti-abstraktiven Kernen: Thomismus der natura magistra und des natürlichen Genusses, Franziskanertum, Strömungen der apophatischen Mystik von Dionysius Areopagita bis Meister Eckhart, frühe Gesellschaft Jesu), das Luthertum, den Calvinismus -, die folgende Merkmale teilen: eine gefallene Natur-Schöpfung, die zu erlösen ist; eine pessimistische Anthropologie (verdorbene menschliche Natur, ohnmächtiger Wille); Verachtung der menschlichen Natürlichkeit (der Körper als Last); Betonung der Gnade als eine äußere Macht, die von innen erlöst. Ebenso teilen diese Ausprägungen des Christentums die mehr oder weniger tiefgehende Ausblendung der anti-abstraktiven Elemente der evangelischen Botschaft: die Offenheit für das Einfache («Seht die Lilien auf dem Feld...»), die Kritik des Aktivismus («Marta, Marta, du bist besorgt...»); die Kritik des Tauschwerts («Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben...») und der Anhäufung («Sammelt euch keine Schätze auf der Erde...»), die skandalöse Aufnahme der Kinder («wenn ihr nicht werdet wie...»). Der Protestantismus ist kein Bruch, sondern eine Radikalisierung des Augustinismus im Christentum: Luther und Calvin beseitigen offen evangelikale Reste (es ist kein Zufall, dass sie Kinder aus den Kirchen werfen) und ziehen Augustinus zu seinen extremen Konsequenzen. ¶ Die webersche These zum Verhältnis zwischen kapitalistischem Geist und protestantischer Ethik - Arbeit als Beruf, innerweltliche Askese als Instrument der Gnade, rationale Ordnung als Ausdruck des Glaubens - erfasste zwar reale Zusammenhänge, war aber mit historischen Fakten nicht kompatibel, die einen kapitalistischen Geist Jahrhunderte vor der Reformation bezeugten. Die Arbeiten von Sombart und Fanfani zeigten, dass wirtschaftliche Rationalität, Buchhaltung und Akkumulation bereits Jahrhunderte vor der Reformation (1517) wirksam waren.
Jüngste Studien, möglicherweise bestätigend: der Engpass des Y-Chromosoms.
Eine jüngste genetische Forschung (ab 2015 vorgestellt, sofort als relevant betrachtet und inzwischen in der Fachwelt konsolidiert, obwohl außerhalb noch wenig bekannt) dokumentiert in der Jungsteinzeit (7.000-5.000 Jahre vor heute) eine drastische Verringerung der Vielfalt des Y-Chromosoms, während die weibliche Linie stabil bleibt. Die vorherrschende, offensichtlich nicht einzige Interpretation weist auf Gewalt in einem beispiellosen Ausmaß hin. Es handelt sich nicht um eine Umweltkatastrophe, sondern um systematische Kriege zwischen patrilinearen Gruppen mit der massenhaften Tötung der besiegten Männer. Es bleibt unbestimmt, ob die angenommene Gewalt Folge des bereits eingeleiteten neolithischen Prozesses ist oder ob die Krise, die sie hervorbrachte, diesen Prozess selbst beschleunigte; plausiblerweise besteht Wechselwirkung.
Über die nicht unmögliche Reaktion.
Da wir uns weder an eine Vorhersehung noch an vermehrte Hypothesen halten wollen, beschränken wir uns hier auf die Feststellung, dass der Anstoß zum hier thematisierten Abstraktionsprozess Ideen bilden, die der Mensch entweder verinnerlicht oder gegen die er ganz verschieden ankämpft. Um die reine Möglichkeit einer Umkehrung des besagten Prozesses aufzuzeigen, erinnert Jacques Camatte an einen bekannten Fall des sofortigen Verschwindens eines Nahrungstabus. Es ist nützlich, sich in Erinnerung zu rufen, dass die Verinnerlichung eines Tabus so stark sein kann, dass sie bei denjenigen, die entdecken, dass sie wider Willen dagegen verstoßen haben, den Tod herbeiführt: Anthropologen und Physiologen nennen dies den Tod durch Überredung und beschreiben ihn als psychosomatischen Zusammenbruch aufgrund einer unumkehrbaren Überzeugung. Der von Camatte erwähnte Fall war der 'Ai Noa von Hawaii, als der König 1819 durch den öffentlichen Verzehr verbotener Speisen ein tausendjähriges System an einem Tag auflöste.
Faszinierende Forschungslinien.
Die MTAP betont, dass es von Anfang Vorahnungen des Abstraktionsprozesses gab. Die noch auffindbaren sind in der Sprache ihrer jeweiligen Kulturen formuliert und identifizieren personifizierend nicht den Tod oder die Krankheit, sondern eben jene erahnte Dynamik des Abstraktionsprozesses als „das Böse“. ¶ Der Koran erzählt vom Fall Iblīs’ und erwähnt ein Detail, das in der kanonischen biblischen Tradition fehlt: Als Gott anordnet, sich vor Adam niederzuwerfen, weigert sich Iblīs und erklärt: „Ich bin besser als er: Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber hast Du aus Lehm erschaffen“ (7:12). Das Motiv hat Vorläufer im Leben Adams und Evas (jüdisch-christliche Apokryphe, 1. Jh.): Samael/Satan weigert sich, sich vor „einer Kreatur aus Schlamm“ zu verneigen. ¶ Diese Figur, die in der christlichen Tradition als „Vater der Lüge“ und „Betrüger“ identifiziert wird, findet ihr modernes Gegenstück in dem Prozess, der systematisch das Reale durch Simulakren ersetzt. Dieser Ersetzungsmechanismus wurde auch in der Literatur erahnt. Edgar Allan Poe in The Man That Was Used Up (1839): Der Protagonist, ein gefeierter General, entpuppt sich als Zusammenstellung von Prothesen, als von einem Diener abhängig, der ihn jeden Morgen „wieder zusammensetzt“. Als illusionäre Kopie des Menschen wirkt er autonom, ist aber völlig abhängig. ¶ Auf einer leichteren Ebene - in diesem Fall geht es eher um die Formen des Widerstands - sind auch die taoistischen Figuren von Lord Emsworth erwähnenswert, der, indem er vorgibt, dümmer zu sein, als er ist, immer wieder die schlammige Gesellschaft seiner geliebten Sau genießt und so den sich wiederholenden Verweigerungen seiner Schwestern, despotischen häuslichen Inkarnationen der Abstraktion, entkommt. Oder der brave Soldat Schweik, der die militärische Megamaschine mit einem so idiotischen Eifer durchläuft, dass er sich selbst dienstuntauglich macht, dabei aber überlebt und genießt - Bier trinkend, Geschichten erzählend, als Pfleger für einen Leutnant bei seiner Geliebten einspringend, bei Tee und Gebäck - während das Reich, das er nicht einmal verabscheut hat, zusammenbricht. Die Weisheit des Schlamms.
Drei Mottos.
MTAP beginnt mit Camatte und Heraklit und schließt mit Konrad Weiß. Camatte legt mit seiner „Teilhabe an der Ewigkeit“ den Umfang des Problems fest: die Flucht der Menschheit aus der Natur in die Sicherheit ihrer eigenen Abstraktionen, in die Schaffung des Kapitals. Heraklit und Weiß, die beide dunkel genannt werden, beleuchten die beiden Extreme dieses Zustands. Das Fragment 89 des Heraklit verdeutlicht die ursprüngliche Spaltung: Für die Wachen (τοῖς ἐγρηγόροσιν) gibt es eine einzige, gemeinsame Welt (ἕνα καὶ κοινὸν κόσμον), während die Schlafenden sich jeweils ihrer eigenen privaten Welt zuwenden (εἰς ἴδιον ἀποστρέφεσθαι). Es ist das archetypische Bild der Abstraktion: der Verlust des κόσμος κοινός, des Sich von der Wirklichkeit Abschliessens, die die gemeinsame Wirklichkeit durch individuelle Repräsentationen ersetzt. ¶ Weiß formuliert viele Jahrhunderte später in poetischen Worten ein mögliches Erwachen: So wird der Sinn, je mehr er sich selbst sucht, / Aus dunkler Haft die Seele geführt zur Welt, / Vollbringe, was du mußt; es ist schon / Immer vollbracht, und du tust nur Antwort. Die Struktur dieses Gedichts chiastisch: zwei umgekehrte und gleichzeitige Bewegungen. Der Sinn wird, je mehr er sich selbst sucht, zu seinem eigenen Sitz, zur authentischen Innerlichkeit, geführt. Die Seele wird, je mehr sie sich selbst sucht, nach außen, zur Welt, ins Licht, aus der dunklen Gefangenschaft‘ geführt. Die Gefangenschaft ist nicht das Exil inder materiellen Welt, sondern die Isolation von ihr: die Einschließung in den ἴδιος κόσμος der Schläfer. Die in die Welt gebrachte Seele ist die Seele, die an ihren natürlichen Ort zurückkehrt, die organische Gemeinschaft des κόσμος κοινός. Das „Tu, was du tun musst“ führt keine moralische Pflicht ein, sondern die Anerkennung der Eigenbewegung des Lebendigen, die sich durch das Festhalten an seiner Natur vollzieht. „Es ist schon geschehen, und du antwortest nur“ löst die Erlösungserwartung auf: Das Handeln will die Wirklichkeit nicht verändern, sondern sie bewohnen, indem es in ihren Möglichkeitsräumen agiert. Die Gegenwart ist ganz und ausreichend. Und die Antwort von Konrad Weiß, dem christlichen Epimetheus, ist nichts anderes als das westliche Echo von Lao-Tzes wu-wei: handeln, ohne zu zwingen; auf das reagieren, was ist, statt aufzudrängen, was sein sollte.
Gemeinwesen Gruppe
Letzte Überarbeitung 26. November 2025
Revidierte Übersetzung: A. Loepfe
Wehrlos, doch in nichts vernichtet
Inerme, ma in niente annientato
(Der christliche Epimetheus
Konrad Weiß)
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